Test #1 Zwischen zwei Schlössern

Meine Testpremiere und gleich ein Spiel für mindestens drei Spieler. Ein Spiel für fast jeden, ein kooperatives wie kompetitives Spiel und eines, das mir sehr am Herzen liegt. Das alles und mehr ist „Zwischen zwei Schlössern“, ein Spiel der Autoren Ben Rosset und Matthew O’Mally, illustriert von Agnieszka Dabrowiecka, Laura Bevon und Barttomiej Kordowski erschienen im Original bei Stonemaier Games in Kooperation mit Bezier Games, im deutschen 2018 bei Feuerland Spiele für 3 – 7 Spieler ab 10 Jahren. Gespielt wird pro Partie laut Schachtel etwa 45 – 60 Minuten.

Würde ich Spiele nur nach Cover aussuchen – ZzS hätte gute Chancen

Bei zukünftigen Tests wird die Sektion über die Beteiligten Verlage, Autoren und Illustratoren hoffentlich deutlich kürzer. In diesem Falle handelt es sich aber um eine Kooperation zweier Verlage, was irgendwie auch sehr gut zum Spiel passt, schließlich arbeitet ihr durch und durch kooperativ an euren zwei Schlössern. Auch wenn ihr am Ende dennoch alleine verliert oder gewinnt. Aus „Between Two Cities“ und „Castles of Mad King Ludwig“ wurde „Between Two Castles of Mad King Ludwig“, zu deutsch lediglich „Zwischen zwei Schlössern“.

Der Spielablauf – paralleles Grübeln

Alles beginnt mit einer klassischen Drafting Phase. Jeder Spieler hält neun Plättchen in der Hand und wählt geheim, ohne sich mit den Mitspielern zu verständigen, zwei davon aus, eines für jedes Schloss, welches er mit seinen beiden direkten Nachbarn unabhänig voneinander errichten wird.

Zur Linken wie zur Rechten eines jeden liegen zu Beginn des Spiels Thronsäle aus, an denen die Plättchen, welche Schlossräume darstellen, angelegt werden müssen, nachdem alle mit ihrer Auswahl zufrieden sind und dies damit signalisieren, dass sie ihre übrigen Plättchen als Stapel weiterreichen und einen kleinen Schloss-Meeple darauf setzen.

Das Anlegen von Plättchen unterliegt natürlich Regeln. Es gibt insgesamt sieben Typen von Plättchen, die anhand ihrer jeweiligen Farbe und ihres Typsymbols oben links gut zu erkennen sind. Keller dürfen nur unterhalb des Thronsaals angebaut werden, Verbindungsräume überall, alle anderen Räume ab dem Erdgeschoss, also seitlich an den Thronsaal oder darüber. Außerdem dürfen Räume nicht in der Luft hängen und auf die blau umrandeten Außenräume darf man nicht mehr bauen, so weit, so sehr am gesunden Menschenverstand orientiert. Auch wenn ich mir durchaus schon vorgestellt habe, wie man einen Speisesaal auf einen Schildkrötenteich bauen könnte. Erlebnisdinner?

Nach eurer Entscheidung für zwei Plättchen könnt ihr immer noch umplanen. Ist der Raum, den ihr für das Schloss zu eurer Rechten ausgesucht habt nicht doch links besser aufgehoben? Zumal der Bau zu eurer Linken sowieso noch schwächelt? Das ist eine Entscheidung, die ihr selbst treffen müsst, eure Mitbauer werden euch sicherlich nur dazu ermutigen, das gewinnbringendste Plättchen mit ihnen zu verbauen.

Hier geben sich mehrere Räume gegenseitig Punkte. Der Speiseraum liefert 2, weil an einer Seite ein Verbindungsraum gebaut wurde. Der Verbindungsraum ebenfalls 2, weil in seinem Umkreis 2 Plättchen mit dem Schwert Symbol liegen. Für den Thronsaal gibt es 4, für den Keller aktuell einen Punkt.

Natürlich baut ihr nicht einfach irgendwie an. Idealerweise findet ihr Räume, die sich gegenseitig Punkte geben. Ihr habt bereits einen Verbindungsraum verbaut, der einen Punkt pro umliegendem Raum mit dem Schwert Symbol in der rechts oberen Ecke liefert? Dann ist ein Speiseraum mit diesem Symbol, welcher zwei Siegpunkte pro darunterliegendem Verbindungsraum einbringt, sicher eine gute Wahl um darüber gebaut zu werden.

Sind acht der neun Plättchen verbaut, wandert das letzte aus dem Spiel und es wird eine zweite Runde nach gleichen Regeln gespielt. Einzige Ausnahme: die übrigen Plättchen gehen dieses mal immer an den anderen Nachbarn.

Eine Partie mit 5 Spielern. In diesem Moment blieb da für mich nur noch warten.

Ein großer, um nicht zu sagen dicker, fetter Schlüssel zum Sieg sind Boni. Jedes mal, wenn ihr drei oder fünf Plättchen der gleichen Farbe in eurem Schloss verbaut habt, löst ihr einen Bonus aus. Bei drei Werkräumen dürft ihr zum Beispiel drei Bonuskarten ziehen und eine davon behalten. Da gibt es dann beispielsweise einen Punkt extra pro Stockwerk, oder zwei pro verbautem Speiseraum. Für drei Schlafräume gibt es ein Turmplättchen, welches am Ende des Spiels einen Siegpunkt pro Plättchen unter diesem liefert und so weiter und so fort.

Im Grunde ist das Spiel enorm zugänglich, insbesondere, wenn es euch jemand erklärt. Learning by doing, das passt hier wie die Faust auf’s Auge, um hier mal zwei Plattitüden in einen Satz zu quetschen als würde ich eine Sendung im öffentlich rechtlichen Fernsehen moderieren. Ihr werdet schnell ein Gefühl dafür bekommen, in welche Richtung euer Schloss sich entwickelt, und welche Plättchen dafür in die engere Auswahl kommen. Idealerweise ordnet man die Spieler noch so an, dass jeder an einem Schloss mit einem erfahrenen Bauer werkelt. So lässt sich in der Bauphase jede Frage klären, ohne, dass der Spielfluss unterbrochen wird.

Am Spielende, also nachdem die Plättchen aus Runde zwei bis auf jeweils eines komplett verbaut sind, zählt für jeden Spieler das Schloss mit der niedrigeren Punktzahl. Hat Michelangelo also ein 88 Punkte Schloss mit Leonardo gebaut, zählt für ihn dennoch sein 53 Punkte Schloss mit Raffael, in das er unbedingt den Pizza Raum bauen wollte.

Ein Wort zum Thema

Das Spiel verarbeitet sein Thema in meinen Augen sehr solide und mit einem Augenzwinkern. König Ludwig hat euch damit beauftragt, jeweils zu zweit Schlösser zu bauen, weil viele Köche ja bekanntlich den Brei… noch besser würzen als einer. Vor allem, wenn sie jeweils zwei rühren. Uhm. Naja, jedenfalls erledigen wir wieder einmal bereitwillig die Handwerksarbeiten für irgendeinen Monarchen. Die Authorität der Obrigkeit wirkt mal wieder, ich bin in Azul jetzt auch nicht auf die Idee gekommen zu sagen: kachel deine Palasttoilette doch selber Manuel I. Vielleicht reicht es mir ja in Teil 12, Azul – Die Raufasertapeten von Bottrop. Rentner Udo Koslowski hat sich überlegt, euch damit zu beauftragen, sein Raucherzimmer wieder in das leicht gräuliche Weiß einer 5€ Poco Tapete zu hüllen. *

Die beiliegenden Schlösschen sind übrigens wirklich knuffig und sollen sieben von König Ludwigs Schlössern / Palästen / Häusern / Gartenschuppen / was auch immer entsprechen, darunter natürlich auch die Schlösser Neuschwanstein und Linderhof. Da man jedoch keine Spielerfarbe besitzt und einen Stapel auch als weitergegeben betrachten kann, wenn kein Schlösschen darauf abgelegt wurde, sind sie natürlich komplett überflüssig. Gespielt wird mit Plättchen, die nicht nach Ästhetik ihrer Kombination, sondern nach Synergieeffekten, also am Ende Siegpunkten, gelegt werden. Alles was ihr baut ist ein Schloss, egal wie es aussieht. Das passt mal besser, mal schlechter und vielleicht auch mal garnicht, wenn euer Schloss aus nicht viel mehr als einem Haufen Keller, einer Weinstube und einem Brunnen besteht. Andererseits sind Ludwigs Schlösser ja auch selten fertig geworden.

Nur eine klitzekleine Auswahl – schließlich sollt ihr noch genügend selbst entdecken dürfen.

Dennoch, wenn ich `Zwischen zwei Schlössern“ spiele, verstehe und fühle ich mich durchaus als Bauherr. Und bisher ist noch keine Partie vergangen, ohne, dass am Ende jemand oder gar alle ihre Schlösser bewundert haben. Auch wenn Räume funktionell identisch sind, jeder hat einen eigenen Namen, eine eigene Illustration und damit auch eine eigene Identität. Sauna Raum? Schwiegereltern-Suite? Das Loch? Alles dabei. So gibt es etwa 150 verschiedene Räume, von denen viele zum Schmunzeln einladen und von denen jeder einzelne liebevoll mit vielen Details illustriert ist.

*Disclaimer: Es handelt sich hierbei um ein fiktives Spiel.

Eine Schachtel voll mit Qualität

Anders kann ich das nicht sagen. Für zur Zeit etwa 30€ bekommt man über 200 sehr hochwertige Plättchen, die sich gut anfühlen und die man gerne anlegen möchte, 7 niedliche wie unnötige Schloss Meeple, einen dicken und doppelseitig bedruckten Wertungsblock, 7 Referenzkarten sowie einige Karten und Mini-Plättchen, die als Boni fungieren. Und eine gut ilustrierte wie geschriebene Anleitung, auf die man vermutlich auch dieses nach Kaugummi schmeckende venezuelanische Ekelgetränk schütten könnte, welches ich mir kürzlich aufschwatzen lass… gegönnt habe. Ich probiere eben gerne Neues aus. Aber zurück zur Qualität: Stonemeier Games eben, alles ohne Fehl und Tadel. Alles? Also ja, eigentlich schon. Aber, also wenn ich das sagen darf, mich stören ein klein wenig die winzigen Reste an den Plättchen, welche beim herausbrechen aus den Kartonbögen entstanden sind. Da bleibt dann auch mal ein Millimeter großer Spalt im Mauerwerk von Schloss Bearstein. Aber nehmt mich hier nicht allzu ernst, ich jammere hier auf olympischem Niveau. Habe ich erwähnt, dass die Plättchen in fantastischen GameTrayz Sortierfächern daher kommen?

Gut zu sehen: auf den großen, roten Sortiereinsatz passen perfekt noch zwei weitere kleine. Man wird ja wohl hoffen dürfen.

Plan- aber nicht glücklos?

Das ist jetzt ein wenig überspitzt formuliert. Klar ist aber auch, spielt ihr das Spiel zu Dritt, habt ihr mehr Kontrolle über euer Schloss als zu Fünft. Das liegt daran, dass ihr wisst, dass ihr Plättchen, die ihr weiter gebt, nocheinmal bekommt. Da lohnt es sich vielleicht, mal zu dem Schloss zu linsen, dass eure beiden Nachbarn gerade zusammen erschaffen. Kann ich vielleicht selber etwas halbwegs sinnvoll verbauen, das dort jede Menge Siegpunkte produzieren würde? Bei fünf oder mehr Spielern hört das aber spätestens wieder auf. Da die Übersicht bewahren, welches Schloss der Konkurrenz wie gut aussieht, und was dort gerade dringend benötigt wird und auch nur irgendwie zum eigenen Schloss passt – kaum durchführbar, aber in so einem Wohlfühlspiel auch nicht wirklich erstrebenswert. Zwar kann man in der Bauphase besprechen, was in dem Stapel ist, den man seinem Kollegen gerade weitergegeben hat und entsprechend vorausplanen, aber so richtig führt man hier keinen Bauplan aus. Man schaut was man bekommt und macht das beste daraus. Ist der Prachtbau nach Runde eins gut auf weitere Schlafräume ausgelegt (beispielsweise mit einem Außenraum, der generell einen Siegpunkt pro Schlafraum gibt, sowie einem Kellerraum, der einen Punkt pro über ihm gebautem Schlafraum einbringt) und sind in den frischen Stapeln dann kaum welche oder gar keine vorhanden, dann hat man eben Pech gehabt.

Außerdem erschien uns die Strategie mit Schlafräumen etwas übermächtig. Unser Gewinner Schloss beinhaltete in vielen Fällen jeden Raumtyp plus ein paar Schlafräume. Andere Raumtypen erschienen uns dafür eher schwach, das betrifft insbesondere Wohn- und Speiseräume, da sich ihre Bedingungen für Punkte selten ausreichend erfüllen ließen um auf einen guten Schnitt von Punkten pro Plättchen zu kommen.

Übrigens: Die Anleitung liefert auch einen speziellen Modus für 2 Spieler, bei dem die beiden menschlichen Spieler ihr jeweils zweites Schloss mit einem unsichtbaren Ludwig bauen. Ich habe diese Variante nicht gespielt, die Regeln dafür sind aber sehr rudimentär. Einer der Spieler zieht dabei zwei Plättchen vom Stapel des guten Ludwig, wählt eines für das Schloss, welches er mit diesem baut aus und gibt das andere dem zweiten Spieler für dessen Schloss mit Ludwig. Es würde mich nicht überraschen, wenn hier des öfteren großer Murks zu erwarten ist, wenn der „Mad King“ (im Original hat das Spiel den griffigen Namen „Between Two Castles of Mad King Ludwig“) selbst Hand anlegt. Die Box weist das Spiel nicht ohne Grund für 3 – 7 Spieler aus, lediglich ein kleiner Kasten erwähnt eine 2-Spieler-Variante.

Alle 7 Schloss Meeple – aaaaaaaw!

Fazit & Wertung

‚Zwischen zwei Schlössern‘ hat mich wirklich überrascht und zwar überaus positiv. Als ich es bekam, hatte ich keinerlei Erwartungen, eine Situation, die ich mir häufiger wünschen würde. Kein Hype, keine Katrastrophenberichte – einfach mal gucken, was man da bekommen hat.

Die reelle Spielzeit betrug mit den verschiedenen Gruppen unabhängig von der Spieleranzahl ziemlich genau eine Stunde und meistens wollten die Leute gleich noch eine Runde spielen, oder hätten gerne noch einen Stapel Plättchen angebaut, weil sich ihr Schloss vielleicht noch nicht fertig genug angefühlt hat. Aber gut, das ist ja das Markenzeichen von Ludwigs Schlössern – verbuchen wir das mal unter besonders thematisch. Abzüge gibt es für mich nur in der B-Note. Ein wenig mehr Komplexität, vielleicht ein oder zwei Varianten oder Module für mehr Abwechslung und fortgeschrittene Spieler hätte ich mir gewünscht. Wie wäre es zum Beispiel mit Schlossmauern, mit denen man sein Schloss an einer Stelle abschließt, aber besonders viele Punkte dafür bekommt? Auch eine Art Joker Mechanismus würde dem Spiel guttun. Wenn aufgrund der gezogenen Räume aus meinem Schloss nichts herauszuholen ist, habe ich keinerlei Möglichkeiten dies positiv zu beeinflussen. Die Wertung und damit der Sieger war uns zwar nie wichtig, dennoch bauen wir doch alle lieber Schloss Versailles als die Burgruine Neideck. Die zugegebenermaßen auch ihren Charme hat.

Downtime gibt es übrigens kaum, vor allem in Spielerunden mit gerader Anzahl an Spielern. Dann sind auch in der Bauphase immer alle beschäftigt. Vielleicht nicht immer gleich lang, aber man kann die übrige Zeit ja nutzen um den Welpenraum niedlich zu finden.

Eine Erweiterung, wie es sie auch für „Between Two Cities“ gibt, ist übrigens zu meinem Bedauern nicht in Sicht.* Bei einenem 2018 erschienenen Spiel werde ich die Hoffnung aber nicht aufgeben. Die Die Einsätze sind jedenfalls so konzipiert, dass ein zusätzlicher Platz hätte. Auf jeden Fall ist schon das Grundspiel auf meiner Mitbringliste für Gelegenheitsspieler ganz weit oben.

Pro

  • friedliches, gehobenes Familienspiel auch für größere Gruppen
  • flüssiges, paralleles Spielen ohne nennenswerte Downtime
  • tolle, witzige Illustrationen, auf denen es viel zu entdecken gibt
  • extrem hochwertige Komponenten
  • überaus fairer Preis (etwa 30€)

Contra

  • vergessenswerte 2-Spieler Variante
  • leider keine Module / Varianten für mehr Abwechslung enthalten
  • vielleicht gelegentlich etwas unbalanciert

8 / 10

*Update: Kaum 4 Tage nach diesem Test ist eine Erweiterung jetzt fix. Voraussichtlich Anfang 2021 erscheint sie zumindest auf englisch. Offenbar inklusive Solo Modus.

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