Angelegt #2 – Ein finnischer Winter (Teil 1)

Die Schule. Hm. Wenn ich die jetzt baue, kann ich später das Studierzimmer bauen, ohne die Rohstoffe dafür zu bezahlen. Aber ob ich davon eines in die Finger bekomme? Ich blicke mich um. Zwei Tische zusammengeschoben bilden eine Gruppe von sieben Studierenden, die gerade „7 Wonders“ mit mir spielen. Mein Blick schweift ab in das große Rund des Cafeteria Hubs der University of Oulu im Nordwesten Finnlands. Die dienstägliche offene Game Night findet statt. Game Night, so heißt sie zwar, beginnt jedoch schon um 16 Uhr, vielleicht 16.20, je nachdem wann die Vorsitzenden des Universitätsclubs Cryo den Bollerwagen mit Spielen aus der clubeigenen Bibliothek vorfahren. Meist stehen dann bereits ein Dutzend begeisterter Rollen- / Brett- / Karten- und Tabletopspieler bereit, um sich die begehrtesten Spiele für ihre Gruppe zu sichern. Terraforming Mars? Kein einziges mal in die Finger bekommen.

Clement grübelt noch, zwischendurch hört man lediglich einen leisen Fluch auf Französisch. Daniela lacht. Sicher hat sie wieder keine Ahnung, was sie spielen soll und befürchtet wieder letzte zu werden. Selten habe ich jemanden erlebt, der das so locker nimmt und einfach so gerne in Gesellschaft neue Brettspiele spielt, ohne dabei eine große Spielervergangenheit zu haben. Vor einigen Tagen erzählte sie mir noch, dass sie mit Kollegen immer Ludo spielte, als sie zusammen Monate eingepfercht auf einer abgelegenen Forschungsstation in ihrer Heimat Indien verbrachte. Von da an konnte ich nicht anders, als Dienstag regelmäßig einige meiner Freunde zum Spieleabend zusammenzutrommeln. Manchmal muss man die Leute einfach nur mitnehmen, da braucht es einfach jemanden, der sie an den Tisch setzt, die Regeln erklärt und mit ihnen spielt. Dann sind sie auch mit Feuereifer bei der Sache, blühen richtig auf und sind ehrlich traurig, wenn dann mal ein Abend ausfällt. Und ja, manchmal funktioniert es nicht, manchmal hängt jemand lustlos am Tisch und muss noch während der Regelerklärung dringend nach Hause um noch, naja, einen Termin wahrzunehmen. Die Katze zu füttern. Den Müll rauszubringen. Irgendsowas.

Ich versuche mich wieder auf meine Karten zu konzentrieren. „Putain!“ murmelt jemand im Hintergrund. Ich habe eine Idee, wer es war. Schließlich entscheide ich mich für eine Karte, lege sie verdeckt auf den Tisch und blicke aus dem Fenster. Finster ist es, lediglich der Schnee glitzert im Schein der Straßenlaternen. Birken reihen sich an Birken, mit ihren schmalen, weißen Stämmen und ein paar übrigen Blättern in der Krone, als hätten sie nicht mitbekommen, dass ihre Zeit längst vorüber ist. Es ist bereits November, die Nächte wie Tag bitterkalt und wenn es nicht finster ist, dann ist es bedeckt, der Himmel dunkelgrau, die Wolken zäh und dick wie der Bart meines Großvaters, als dieser noch etwas jünger war. Ein Eichhörnchen hinterlässt kleine Pfotenabdrücke im unberührten Streifen Schnee am Waldrand. Minus acht Grad sagt mein Mobiltelefon – heute ist es eher mild. Wenn ich gegen neun wieder nach Hause gehe werden es deren zwanzig sein.

Etwa vier Monate verbringe ich hier im Rahmen meines Auslandssemesters, studiere ein wenig hier und da, treffe mich mit Freunden zum Spielen und Bowlen, genieße die Stille der einsamen Moore Finnlands, laufe um Mitternacht nach einer ausgiebigen Saunasession nackt durch die Lobby einer Forschungsstation im Herzen des Oulanka Nationalparks um kurz im eisig kalten Fluss zu baden, grille mehlige Würstchen über einem selbstgeschürten Feuer. Vieles werde ich als Erinnerung mitnehmen, das Spielen, es bleibt. Teilweise suche ich schon nach der Erstpartie nach einem guten Preis für ein Spiel und bestelle es mir nach Hause zu einem Freund, wohl wissend, dass ich auch nach dem Semester noch einige Monate im Ausland verbringen werde. Ich befinde mich noch in der Findungsphase meines neuen Hobbys, möchte Spiele ausprobieren, nachholen, verschlingen. Eine Partie Smallworld, die Woche drauf ist Alhambra dran, dann Sagrada und nun 7 Wonders. Alles Hüte so alt, sie waren schon nicht nur Feodora oder Melone sondern auch Altkleidersammlung, Putzlumpen und Hauswanddämmung. Aber ich bin aufgeregt, greife mir Woche für Woche etwas neues, von dem ich schon so viel gehört und gelesen habe, das mir schon so oft in den Werbefenstern beim lesen von Brettspiel Neuigkeiten angezeigt wurde.

Schließlich habe ich meinen Bau ausgelegt, ein Plan ist nur in Ansätzen zu erkennen. Ein Mann läuft vorbei, langer schwarzer Bart, sehr helle haut, eine russische Fellmütze auf dem Kopf, die Hände im langen, schwarzen Mantel vergraben. Ich kenne seinen Namen nicht, obwohl ich ihn hier jeden Dienstag beobachten kann, wie er mal eine Runde spielt und mal nur zwischen den Tischen fast stoisch hin und her marschiert, scheinbar entschlossen einem Ziel folgend. Ein wenig erinnert er mich an Dagobert Duck, wie dieser grübelnd Kreise in den Boden läuft. Das Spiel ist weit fortgeschritten, die dritte und finale Epoche bereits angebrochen. Prüfend blickt er auf die sieben errichteten Städte: „You won.“ spricht er emotionslos zu Clement, dreht sich um und wandert wieder zielstrebig zur bereits geschlossenen Cafeteria, nur um dort augenblicklich scharf auf der Stelle zu wenden und einen weiteren Tisch, ein weiteres Spiel mit seinen Spielern groß und klein, kräftig und schmal, mal alt und jung, sofern ich das hier überhaupt einzuschätzen vermag, zu beobachten und zu beurteilen. Man findet hier Menschen, die viele vermutlich etwas verschroben finden würden. Menschen, die oft noch zurückhaltender sind als es der durchschnittliche Finne ohnehin schon ist. Introvertiert und oft eher schüchtern. Hier aber finden sie zusammen. Erst vor zwei Wochen habe ich hier mit einer bunten Gruppe mein erstes Pen and Paper gespielt, ein Anfängerszenario im Pathfinder System, wenn ich das so sagen kann. Ich kenne mich da eben überhaupt nicht aus. Es hat Spaß gemacht, nicht nur die Partie an sich, die war auch mal zäh und etwas fad über die Dauer von fünf Stunden, sondern auch zu sehen, wie die anfangs schüchterne, verschwiegene Runde schallend lacht, wenn Dungeonmaster Petteri die Stimme eines Tavernenbesitzers immitiert oder eher kreiert, mit der Hand vor dem Mund, in genuscheltem Englisch mit diesem harten finnischen Akzent, den ich so lieben gelernt habe. Etwas abgehackt, auf dem Konsonanten verharrend, wie man es dort eben so macht wenn deren zwei gleiche direkt aufeinander folgen, oder man zumindest denkt, dass es so sein müsste.

„Battttt…yuu kud spiiik tu te blekkksmis!“

Nerds

Viele würden die Anwesenden wohl Nerds nennen und auch sie selbst tun das. Es ist kein Schimpfwort, es ist eher Lebensgefühl. Hier ist es nicht wichtig, wie man aussieht und hier wird man nicht verurteilt, wenn man die meisten Abende der Woche eben lieber allein zu Hause verbringt und lediglich im Discord Channel des Clubs kommuniziert. Hier treffen sich feste Gruppen mit mitgebrachten Spielen, Western Legends, Ecos, Tapestry, eben alles was gerade neu und schick ist. Hier werden Matten für Star Wars X-Wing ausgelegt und Miniaturen millimetergenau ausgerichtet. Hier findet man Anschluss, wenn man ihn sucht. Die Game Night wirkt wie ein Mikrokosmos der parallel zum übrigen Treiben in der Universität existiert, fernab der top gestylten weiß-blonden Finninen und Finnen mit ihren stahlblauen Augen. Natürlich ist auch die Universität insgesamt bunt gemischt, mit ihren vielen internationalen Studenten, Dozenten und Mitarbeitern. Dennoch ist Cryo etwas besonderes. Etwas, das heraussteht. Eine kleine, eigene Welt, die jeden willkommen heißt. Der wöchentliche Newsletter wird auf Finnisch sowie Englisch verschickt, um auch ja niemanden auszuschließen, auch wenn kaum ein Nicht-Finne sich regelmäßig hierher verirrt. Jede Pen and Paper Beginnerrunde wird auf Wunsch auch auf Englisch gehalten, die meisten Brettspiele sind es ohnehin. Und beinahe jeder hier spricht es irgendwie, mal flüssiger, mal stockend, mal härter im Akzent, mal butterweich wie ein Muttersprachler. Niemand zögert, niemand schweigt aus Scham, er könne einen Fehler machen, zumindest nicht wenn ich mitgespielt habe.

Die Stadt unterstützt diese Spieleabende. Gerade im Winter, wenn der Blues einsetzt, die Tage kurz werden und nurmehr drei Stunden Dämmerung bleiben, die Sonne nur noch am Horizont entlang kriecht, ist es oft naheliegender Kalsarikännit zu fröhnen, als sich mit Freunden zu treffen. Bei auch mal minus dreißig Grad fällt es oft schwer, um zwei Uhr nachmittags überhaupt das Haus zu verlassen. Aus diesem Grunde liegt immer eine Liste aus, in die sich alle teilnehmenden eintragen. Pro Besucher, egal ob Mitglied im Club, Studierende/r oder einfach Brettspielbegeisterte/r, es gibt für jeden Namen mit Geburtsdatum und Unterschrift einen knappen Euro. Alles auf Vertrauensbasis, niemand kontrolliert aktiv, dass alle Menschen auf den Listen wirklich anwesend waren. Die Stadt unterstützt aktiv offene Freizeitorganisationen, wofür sie aber zwingend alkoholfrei sein müssen. Ohne diese Unterstützung ließe sich der Club nicht finanzieren und eisern habe ich dafür gesorgt, dass jede Woche meine ganze Gruppe eingetragen war. Ein bis zwei vernünftige Spiele sollten für Cryo also herausgesprungen sein. Alle paar Monate wird dann abgestimmt, welche neuen Spiele angeschafft werden. Auch 7 Wonders Duell hat es mal geschafft, auch wenn ich persönlich erst die zweite jemals damit gespielte Partie in den Block eintragen durfte (und einsehen musste, dass wir wirklich schlechte Scores hatten – oder aber sehr destruktiv gespielt haben). Die Spiele schienen aber insgesamt sehr bewusst ausgewählt, für Viel- wie für Wenigspieler. Auch Spenden sind dabei – aus manchem ist man eben rausgewachsen.

Am Ende gewinnt übrigens nicht Clement aus diesem kleinen Dorf in Frankreich, dessen Namen ich vergessen habe, mit seiner prunkvollen Stadt voller Tempel und Monumente, sondern Max aus Mühlheim, mit reichlich Beratung vom erfahrenen Clement als Nachbarn gesegnet und auf die Wissenschaft setzend, die wir ihm in unserer Unerfahrenheit so bereitwillig überlassen haben. Auch der weise Mann mit Mütze und Mantel irrt sich eben mal.

Teil 2 folgt.

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