Angelegt #3 – Ja ich, als Experte, äh…

Schon als Jugendlicher habe ich in den Nachrichten oft Experten gelauscht. Tourismusexperten, Wirtschaftsexperten. Terrorismusexperten. Menschen die vermutlich irgendwas studiert hatten und anschließend 120 Jahre Berufserfahrung im In- und Ausland sammelten. Zur Zeit beschäftigt die Brettspielgemeinschaft das Thema Experten. Angestoßen wurde das ganze von Flo von Get On Board, der sich nicht als Experte für Brettspiele sieht und dies in einem Video kundtat, in dem es vordergründig um offenbar wenig konstruktive Kritik in den Kommentaren einiger seiner Videos ging. Auch ich habe dazu Gedanken, die ich gerne mitteilen möchte.

Eine Sache der Perspektive

Ich bin keiner. Nicht innerhalb dieses Hobbys. Das nach so kurzer Zeit und immer noch viel zu wenig gespielten Spielen zu behaupten wäre vermessen. Ich beschäftige mich täglich mit Brettspielen und spiele zumindest mehrfach die Woche, habe aber noch nicht genug Erfahrung und keine tolle Spielegruppe für einige schöne Abende im Monat. Aber ich sage auch: es ist eine Sache der Perspektive. Für meine Freunde, alle maximal Gelegenheitsspieler, bin ich ein Experte. Ein Brettspielverrückter, ein Nerd, ein Freak, ein Wahnsinniger. Wenn jemand ein Brettspiel verschenken möchte, dann fragt er mich, was ich denn so empfehlen könnte. Und dann geht der Stress los. Eine gedankenlose Frage nach einem Tipp löst eine Lawine an Gegenfragen aus, mit denen vorher keiner rechnet. Da raufe ich mir schon regelmäßig die Haare. Ja, es ist relevant, wieviele Leute es meist spielen werden und ja, es wäre gut zu wissen, ob derjenige Erfahrung mit Spielen hat, die über Uno hinausgeht. Am Ende gibt es von mir eine Reihe an Tipps, die ich sorgsam nach bestem Wissen und Gewissen auswähle. Und das hat Gründe, auch wenn es sich dabei ja nur um einen sehr engen privaten Rahmen handelt.

V wie Verantwortung

Wer ihn noch nicht gelesen hat, dem sei der Kommentar von Sebastian Wenzel von Kulturgutspiel ans Herz gelegt. Dort findet ihr angeschnitten auch Meinungen weiterer bekannter Menschen der Szene.

Auch ich in meiner Bedeutungslosigkeit, mit meinem winzig kleinen, neuen Blog, auf dem es noch viel zu wenig Rezensionen und Spieleindrücke gibt, trage eine Verantwortung für das, was ich schreibe. Diesen Anspruch sollte jeder haben, der seine Meinung zu etwas kundtut, das ein Individuum erschaffen hat. Egal ob es ein Buch, ein Film, ein Bild, ein Foto, Handwerk oder eben ein Brettspiel ist. Wir sind es den Machern, den Erschaffern, den Kreativen schuldig, ihr Werk angemessen zu betrachten und wahr und nach bestem Wissen und Gewissen darüber zu berichten. Egal ob wir zwei oder zweitausend Leser, Zuhörer oder Zuschauer haben. Ich kann ja keinen Käse veröffentlichen, nur weil mich keiner liest. Also ich kann natürlich, aber das sollte ich nicht.

Illustratoren, Redakteure, Designer, Übersetzer und alle anderen, die am Ende an der mal mehr mal weniger hübschen Schachtel, die wir uns vielleicht im Spieleladen um die Ecke gekauft haben, investieren eine enorme Menge Arbeit, Kreativität, ja Herzblut, in einem Geschäft, in dem man mitunter viel Idealismus mitbringen muss, um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Reich wird in der Branche so schnell sicher niemand. Genau diesen Menschen fühle ich mich in erster Linie verantwortlich, wenn ich über ein Spiel schreibe und genau deshalb habe ich das bisher noch nicht so oft gemacht. Ich versuche noch ein angemessenes Maß an Spielzeit und Spielerzahlen zu finden, um halbwegs seriös meine Meinung zu dem was ich spiele widerzugeben. Das heißt nicht, dass ich den Anspruch habe, wie ihn Tom Felber an den Tag legte. Oder, dass ich das von jedem Podcast oder Blog erwarte, der etwas zu einem Spiel veröffentlicht.

Ich empfinde natürlich auch Verantwortung denen gegenüber, die von mir Empfehlungen bekommen, was zur Zeit ja vor allem Freunde und Bekannte sind. Ich werde kritisch sein. Ich werde nicht davor zurückschrecken, deutlich zu machen, dass ich ein schlecht finde, es mir keinen Spass gemacht hat. Ich werde den Spielen aber mehr als eine Chance gegeben haben, sich zu beweisen, werde meine Meinung begründen und die Umstände, unter denen ich das Spiel gespielt habe offenlegen. Solange alles transparent ist, darf man es in gewissem Umfang getrost demjenigen, der den Beitrag konsumiert, überlassen, über die Aussagekraft der Meinung zu urteilen.

„Ja also, hallo erstmal, ich hab das Spiel dieser Rezension einmal gespielt und, naja, habe es dann auch nach 10 Minuten abgebrochen, weil meine Waschmaschine fertig war. Und dann auch keine Lust mehr gehabt, es zu Ende zu spielen. Ich gebe ihm 3 von 400 Pöppeln.“

Entweder, oder?

Es schließt sich ja auch nicht aus, ein Experte zu sein und ein Spiel auch mal unpassend, weil vielleicht verfrüht beurteilt zu haben. Das kann passieren. Genauso wenig schließt es sich aus, kein Experte zu sein und anschließend seine begründete Meinung zu einem Brettspiel zu veröffentlichen, die Menschen in ihrer Entscheidung weiter hilft. Und sowieso sollte sich jemand, egal ob Experte oder nicht, verantwortlich dafür fühlen, wahrheitsgemäß über ein Spiel zu berichten. Im Grunde ist es mir dann auch egal, wie er sich nennt.

Es hilft mir auch nicht, wenn jemand jeden Spiel des Jahres Nominierten seit Gründung des Preises aufsagen kann, aber eben kein Fan von Area Control Spielen ist und daher nicht begeistert von einem Smallworld ist. Expertise in einem gewissen Maße ist notwendig, um ein Spiel mit anderen zu vergleichen, aber auch hier gilt – ich muss nicht alles gespielt haben. Auch nicht fast alles.

Ich bin selbst relativ neu in diesem Hobby und habe mir unzählige Toplisten und Spielerezensionen angesehen bzw. durchgelesen und dann entschieden, was ich kaufe. Dafür habe ich aber nicht diejenigen ausgesucht, die mir am kompetentesten erschienen, sondern diejenigen, die mir anschaulich und mit begründeter Meinung das Spiel darstellen konnten. Eine gute Mischung ist mir wichtig – keine Bildunterschrift „Heinz Müller – Brettspielexperte: kennt alle Meeplefarbtöne mit dazugehörigem Hexcode“.

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