Rezension #4 – Azul – Der Sommerpavillion

Schon in meiner Rezension zu „Zwischen zwei Schlössern“ habe ich mich ein wenig über andauernde Handwerksarbeiten für Monarchen echauffiert. Und nun dennoch wieder darauf eingelassen. Im inzwischen dritten Azul kachelt ihr den Gartenschuppen den Sommerpavillion für eine Leiche. Denn König Manuel der I. ist bereits verstorben, hatte sich zuletzt jedoch noch einen Prunkbau mit Statuen der wichtigsten Personen des Landes gewünscht.

Azul – Der Sommerpavillion ist ein abstraktes Familienspiel von Michael Kiesling mit Illustrationen von Chris Quilliams, erschienen bei Next Move Games, im deutschen Vertrieb bei Pegasus Spiele für 2 – 4 Spieler ab 8 Jahren. Die Schachtel spricht von 30 – 45 Minuten Spielzeit.

Das Gleiche in bunt?

Die erste Frage, die zumindest ich mir gestellt habe, war: ist das jetzt das gleiche Spiel, wie das Spiel des Jahres 2018, der schon als moderner Klassiker geltende Fliesenschieber?

Der grundsätzliche Spielablauf ist zumindest sehr ähnlich. In der Tischmitte liegen je nach Spielerezahl fünf bis neun Manufakturplättchen aus, die zufällig mit jeweils vier Fliesen aus einem Beutel bestückt werden. Die 132 Fliesen in vier Farben sind dieses mal allerdings rautenförmig. Crazy, nicht wahr? Jedenfalls sucht sich der Startpieler eine Fliesenfarbe aus, und nimmt die entsprechende Anzahl von einem der Manufakturplättchen, schiebt die übrigen dabei in die Tischmitte. Ab jetzt können auch von dort Fliesen einer Farbe genommen werden, jedoch handelt sich der Erste, der dies tut, den Startspielerstein sowie Minuspunkte in der Höhe der in diesem Zug aus der Tischmitte genommenen Fliesen ein. Und damit wir keine Schulden aufnehmen müssen für ein Gebäude, in dem am Ende nur ein paar Statuen stehen, starten alle mit fünf Punkten das Spiel.

Beim nehmen der Fliesen in einer Farbe gibt es jedoch noch einen kleinen Twist. Moment. Eigentlich sogar einen großen. In jeder Runde ist eine bestimmte Farbe als Joker einsetzbar. In der ersten von insgesamt sechs Durchgängen ist das beispielsweise lila. Liegt auf einem Manufakturplättchen, von dem ihr eure Steine nehmt, nun auch eine dieser Joker Fliesen, so müsst ihr auch eine davon nehmen. Das Gleiche gilt für die Tischmitte. Wollt ihr gar nur Fliesen in der Farbe des aktuellen Jokers, dürft ihr lediglich eine davon nehmen, selbst wenn drei davon auf einem Manufakturplättchen liegen.

Aufbau für drei Spieler. Ich gebe zu, es ist keine echte Partie.

Sind schließlich alle Fliesen nach und nach vom Tisch verschwunden, wird abwechselnd auf dem eigenen Spielbrett angelegt. Dort finden sich Sterne in den sechs Farben der Fliesen. Diese bestehen aus jeweils sechs nummerierten Rauten, auf die ihr eure gesammelten Steinchen anlegen müsst. Für das Feld mit der Eins benötigt ihr eine Fliese der entsprechenden Farbe, für das Feld mit der Zwei entsprechend zwei. Mit Jokern werden Farben ersetzt, Punkte gibt es sofort beim Anlegen, einen für eine einzelne Fliese, zwei, wenn ihr an einem bestehende anlegt und so weiter. Angelegt wird übrigens abwechselnd, da es ein öffentliches Tableau mit Bonussteinen gibt, die man sich durch geschicktes Anlegen an Säulen und Statuen auf dem eigenen Brett verdienen kann.

In der Mitte der Spielertableaus befindet sich außerdem ein Stern, an dem ihr jede Farbe genau einmal anlegen dürft. Wie er sich dabei zusammensetzt, bleibt euch überlassen. Nach dem Ende der sechsten Runde wird abgerechnet.

Frischer als erwartet…

…fühlt sich das Spiel an. Als ich es mir bestellt habe, hatte ich noch wenig Vorstellung davon, was mich erwartet. Die Rückseite der Schachtel liest sich sehr ähnlich zum ersten Teil der Reihe. Und natürlich, der Mechanismus ist im Grunde der Gleiche. Dennoch fühlt sich Azul – Der Sommerpavillion frisch an, es ist spannend und taktisch. Gerade das Erringen von Bonusfliesen gefällt mir überaus gut.

Das Bonustableau mit Siegpunktleiste, Rundenanzeiger und Wertungsübersicht.

Mit der Spielerzahl ändert sich das Spielgefühl spürbar. Dafür gibt es vorrangig zwei Gründe. Erstens ist der Steindurchsatz höher mit jedem Spieler, der mit ins Spiel kommt. Die überzähligen Fliesen kommen nach dem Anlegen in einen beilegenden Turm aus Pappe, der mich persönlich sehr an den Big Ben in London erinnert. Bestimmt ein Hinweis auf Azul IV – Die Frisur des Boris Johnson. Erst wenn der Beutel leer ist, wird dieser nun damit aufgefüllt. Es ist demnach also wahrscheinlicher, dass die von mir benötigten Fliesen früher wieder ins Spiel kommen. Der zweite Grund ist die Konkurenz. Gerade bei zwei Spielern muss man schon aktiv dem anderen die Steine wegnehmen um nicht unter Umständen komplett aneinander vorbeizubauen und damit beinahe jegliche Spielerinteraktion im Keim zu ersticken. Das möchte ich jedoch nicht so gelesen wissen, dass das Spiel zu Zweit nicht gut wäre. Es funktioniert hervorragend. Vielleicht ein wenig taktischer. In meinen Augen weder besser noch schlechter.

Gewohnt wertig

Das Material des Spiels ist genau das, die Schachtel besser als beim ersten Teil – stabiler und feuchtigkeitsabweisend. Zumindest im Vergleich zu meiner Azul Box, die doch allzu leicht von zwei nicht wirklich schweren Spielen eingedrückt wurde. Die Fliesen sind wieder aus Kunstharz und fühlen sich großartig an, ich hätte mir jedoch gewünscht, dass sie etwas aufwendiger bedruckt wären. Hübsch finde ich sie dennoch. Für das Sammeln von aus dem Spiel kommenden Steinen liegt ein Turm aus Pappe bei, der praktischer ist, als ich ihn anfangs vermutet hätte. Bequem lassen sich so die Fliesen auf einen Schlag wieder in den Beutel füllen, wenn er einmal leer ist. Die einschichtigen Spielertableaus sind aus stabiler Pappe – zweischichtige würden sich sicher fantastisch anfühlen, würden das Spiel aber vermutlich 10€ teurer machen. Am Tableau mit den Bonussteinen, auf dem sich auch Rundenzähler und Siegpunktleiste befinden, wurde hingegen gespart. Die dünne Pappe ist jedoch absolut unproblematisch, am Ende liegt sie ja nur in der Tischmitte aus und wird mit einigen Fliesen bestückt.

Besonders angetan haben es mir die Illustrationen von Chris Quilliams. Alles hat diesen shabby-chic, als würde die Farbe am Sommerpavillion durch Wind und Wetter der vielen Jahrzehnte seines Bestehens schon etwas abblättern. Das Cover als Fenster in eine weit entfernte Zukunft. Farbtöne sind wunderbar gewählt, kunstvolle Muster zieren Tableaus und Schachtel. Ich bin hin und weg. Die Fliesen können da jedoch nicht ganz mithalten, ihre Farben sind mir tendentiell ein wenig zu grell. Mehr Kleinkindbausteine als Königsfliesen.

Die Beutel mag ich ja immer gern, die Kordel hat jedoch eher Geschenkbankqualität

Das Regelheft ist solide. Wer Azul kennt, weiß bereits mehr als nur grob, um was es geht. Alles ist deutlich formuliert erklärt und lässt meines Erachtens keinen Raum zur Spekulation. Es ist mir allerdings zu unübersichtlich. Vielleicht wollte man das bekannte Format nicht verlassen und keine weitere Seite hinzufügen.

Eine gemeinsame Punkteleiste macht Spielerfarben notwendig. Da das Spiel an sich bereits sehr bunt ist, hat man sich hier für grau, schwarz, weiß und naturholz entschieden – das jeweilige Pünktchen auf dem eigenen Tableau ist da leider wirklich schwer zu erkennen. Vielleicht hätte sich das mit Nummern auf den Steinen und Tableaus noch besser lösen lassen.

Glück im Spiel, Pech in der Liebe

Habe ich scheinbar gehabt. Alle Partien, in denen meine Freundin mitgespielt hat, habe ich gewonnen. Frustrierend fand sie übrigens insbesondere, dass sie auf der nun gemeinsamen Punkteleiste immer zusehen musste, wie sie von Anfang an hinterhergelaufen ist. Ich sehe gerade, die Überschrift liest sich doch ein wenig unglücklich. Mh, uhm, äh. Ich habe natürlich Glück sowohl im Spiel, als auch in der Liebe. Unverschämtes! In beidem! Unverdient sowieso.

Um das klarzustellen: Ein Problem mit dem Hinterherlaufen sehe ich aber nicht. Es hat bei mir nicht immer der Spieler oder die Spielerin gewonnen, der/die vorneweg marschierte. Habe ich am Anfang direkt sechs Fliesen investiert, um eine davon auf die Position sechs eines Sternes zu legen, habe ich genauso einen Punkt gemacht, wie jemand, der einen Stein für Position eins investiert hat – aber eben mehr Fliesen ausgegeben. Später zahlt sich das aber unter Umständen aus. Teilweise ergeben sich so spannende Combos durch das Auslösen eines Bonus mit dessen Steinen sich widerum der nächste Bonus auslösen lässt.

Der Zufall spielt mit. Wer darauf gesetzt hat, einen bestimmten Stern noch in der vorletzten oder der finalen Runde fertigzustellen, ist darauf angewiesen, dass noch Fliesen in der passenden Farbe oder der Jokerfarbe auf den Manufakturplättchen liegen. Man kann umdisponieren, man muss beim Bau des Pavillions eben auch flexibel sein – aber es kostet meistens Punkte. Für mich ist dieses Zufallselement aber spannend und es stellt mich immer wieder vor Herausforderungen, die ich gerne annehme. Man kann ja auch in gewissem Maße beobachten, was die anderen Spieler so bauen und planen und daraus schließen, wie wahrscheinlich es ist, dass noch passende Steine verfügbar werden. Solche Überlegungen gehen allerdings auf die Spielzeit: In 30 bis 45 Minuten sind wir selbst zu Zweit nicht fertig geworden. Mag allerdings an den intensiven Überlegungen meiner Liebsten gelegen haben.

Selbstverständlich gehören die frischen Kirschen und der Tee zum Packungsinhalt.

Fazit und Wertung

Wäre Azul I nicht bereits Spiel des Jahres 2018, so hätten wir mit dem Sommerpavillion sicherlich einen sehr ernsthaften Anwärter für das Jahr 2020. Der Mechanismus funktioniert auch in abgewandelter Form gewohnt elegant, das Spiel ist hübsch und schnell erklärt, wenn auch nicht mehr ganz so flott wie noch beim ersten Teil. Es ist diesen Tick komplexer, der es für mich auch etwas spannender macht. Für Wenigspieler gilt allerdings auch, wer Teil I besitzt benötigt nicht unbedingt den Sommerpavillion. Ohne für Manuel den I. in „Die Buntglasfenstern von Sintra“ gefenstert zu haben, kann ich für mich persönlich jedoch sagen, dass ich meist lieber einen hübschen Pavillion für ihn errichten würde, als nochmal sein Badezimmer seinen Palast zu kacheln. Wir sehen uns in Azul IV – Die PVC-Böden der Krankenhausflure. Das Roller-Laminat von Gütersloh. Die Backsteine Norddeutschlands. Oder doch die Raufasertapeten von Castrop-Rauxel.

Pro

  • Eleganter Mechanismus
  • Extrem hübsch
  • angenehm leicht erhöhte Komplexität im Vergleich zu Azul
  • funktioniert mit allen Spielerzahlen gut

9/10

Contra

  • sicherlich nicht mehr sonderlich innovativ
  • etwas unübersichtliches Regelwerk

Auch hier wieder der Hinweis: Das Wertungssystem wird demnächst etwas gestaucht und dann angepasst. So oder so ist Azul – Der Sommerpavillion ein fantastisches Spiel.

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