Angelegt #4 – Illustrierende aller Länder, vereinigt euch

Es klingelt. Ich schrecke auf, obwohl ich mit diesem Geräusch jeden Moment gerechnet habe. Es ist 11.37, eine typische Zeit für meinen Paketboten, der mehr oder weniger regelmäßig bei mir klingelt, um mir neue Brettspiele für meinen Pile of Shame lebensnotwendige Güter zu liefern.

Hastig stemme ich mich mit den Händen in eine aufrechte Position, schiebe mit den Waden den Stuhl zurück und sprinte zur Wohnungstür, lasse beinahe den Hörer der Sprechanlage zu Boden fallen, als ich den Türöffner betätige. Öffne die Wohnungstür und trete heraus. „Bär?“ ertönt es. „Äh. Ja. So ähnlich.“, sage ich. Der Bote wirft mir den Karton die kurze Treppe nach oben, ich bedanke mich herzlich und wünsche ihm noch einen möglichst stressarmen Tag. Vermutlich leichter gesagt, als getan, wie so oft im Leben. Ich gehe wieder in die Wohnung, ziehe die Tür hinter mir zu und platziere die Box auf dem Schuhschrank. Ein zielgerichteter Griff mit Links, ein kräftiger Zug am Falz des Kartons mit der rechten Hand. Und was erspähen meine noch etwas müden Studentenaugen am frühen Mittag? Ein Gemälde. Kunst. Vorsichtig fasse ich die eingeschweißte Schachtel mit beiden Händen, hebe sie hoch und betrachte sie von allen Seiten. Stelle sie auf den Tisch. „Die Tavernen im Tiefen Thal“ prangt oben mittig in gelb-goldenen Lettern über einer urigen Tavernenszenerie. Efeu bahnt sich seinen Weg an der Wand des hölzernen Fachwerkhauses entlang und beginnt sich langsam aber sicher über das schmiedeeiserne Schild herzumachen. Durch die offenen Türen der Spelunke bahnt sich warmes Kerzenlicht seinen Weg auf die bereits in den Schatten der Nacht getauchte Straße. Der bärtige Barmann blickt nach draußen. Sieht mich an, mit dem Humpen in der Hand, als hätte er mich bereits erwartet. „Tritt ein, Reisender. Bei mir gibt es warme Suppe und ein kräftiges, dunkles Bier, dazu ein weiches Bett und nur wenig Ungeziefer. Stärke dich, und führe deinen Weg am nächsten Morgen fort.“, meine ich ihn durch seinen dichten, schwarzen, kräuseligen Bart in meine Richtung raunen zu hören. Am Fenster spielt eine dunkelhaarige Frau mit markanter Nasenpartie mit einer Katze, die von den vielfältigen Gerüchen der Taverne angezogen auf dem Fenstersims verweilt. Mein Blick wandert wieder nach oben, bishin zu zwei Täubchen, von denen eine auf einem weiteren, zur Straße hin ragenden Schild verweilt. „Wolfgang Warsch“ steht dort geschrieben. „Ja“, denke ich. „Ein Spiel von Wolfgang Warsch. Das erkennt man schon an der Schachtel.“ Kurz halte ich inne. Die Gestaltung erscheint mir unverwechselbar. Ein echter Dennis Lohausen würde ich sagen, die Taverne, sie könnte direkt im Herzen Quedlinburgs stehen und Odin höchstpersönlich könnte dort eingekehrt sein. Aber wo ist eigentlich das eiserne Schild, auf dem in dicken wie schwungvollen Lettern „Dennis Lohausen“ prangt?

Quelle: Schmidt Spiele

Auch bei mir kommt es vor, dass ich in einen Spieleladen gehe und beim Stöbern ein Spiel entdecke, dass ich noch nicht kenne. Wie muss es da erst dem Ottonormalspielekäufer gehen? Lieschen Müller, die sich daran erinnert hat, wie sie als Kind immer mit Oma und Opa dieses lustige Spiel mit den Nilpferden gespielt hat. Kai Meierhausen, der mit seinem Mann und den Kindern gerne gemeinsame Spieleabende veranstalten würde? Meiner guten Freundin Mia, bevor sie mich als brettspielwahnsinnigen Berater hatte? Ja, es gibt ihn, den Spielefachhandel mit kompetenter, ausgiebiger Beratung, aber eben nicht in jeder Stadt und auch andernorts werden eben Brett- und Kartenspiele verkauft. Und nicht immer gibt es Beratung dazu. Bei Galeria Karstadt Kaufhof, zumindest zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Manifests, dessen Agenda hoffentlich zu diesem Zeitpunkt schon, wie das Licht an der Straße im Tiefen Thal, ein wenig nach draußen schimmert, noch in jeder etwas größeren Innenstadt zu finden, gibt es ebenso eine recht breite Auswahl an Spielen. (Diesen Satz hätte ein Lektor sicherlich gekürzt). Vermutlich eine zu breite für den ein oder anderen. Und Zeit, die haben wir ja alle nicht.

Ein Spiel, das muss mich also fesseln, zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht spielerisch, sondern optisch. Es muss mich in seinen Bann ziehen, aber nicht mit ausgefeilten Mechaniken und strategischen Möglichkeiten. Sondern mit visueller Virtuosität, in Farben und Formen gegossenem Ausdruck der Kunstschaffenden. Dennis Lohausen, Klemens Franz, Andrew Bosley, Franz Vohwinkel, Ian O’Toole, Beth Sobel. Das sind Namen, die man in unserer kleinen Blase kennt und sicherlich auch schätzt. Ihre Cover verkaufen Spiele, ihre kunstvollen Grafiken verleihen Mechaniken mehr Thema, als es blumige Flavortexte im Stile des Klappentextes eines Groschenromans je könnten. Sie verleihen Werken mit Hirn eine Seele. Als Anerkennung des Verlages gibt es dafür dann den eigenen Namen in Schriftgröße 6 auf der Schachtelrückseite, gleich neben dem Hinweis, das Spiel enthalte Kleinteile und sei für Kinder bis drei Jahre nicht geeignet.

So geht es eben auch. Quelle: Feuerland Spiele

Nein, das stimmt natürlich nicht immer. Illustrierende wie Andrew Bosley und Ian O’Toole sind inzwischen immer prominent unter ihren Werken verewigt. Kunstschaffende signieren ihre Gemälde. Man schmückt sich inzwischen mit ihnen, es sind große Namen, die man auch gar nicht verstecken will. Aber warum ist das noch kein Standard? Warum weiß ich nicht, wer „Zug um Zug“ illustriert hat? Hat Miguel Coimbras Name nicht mehr auf die Schachteln sämtlicher „7 Wonders“ Titel gepasst?

Ein „Flügelschlag“ wäre nicht der Welterfolg, der es heute ist, hätten nicht Ana Maria Martinez Jaramillo, Natalia Rojas sowie Beth Sobel derart kunstvoll gefiederte Wesen auf Karton und Karten gezaubert. Ein guter Freund von mir hätte sich nicht noch auf der Heimfahrt im Zug auf dem Mobiltelefon nach Everdell umgesehen, hätten ihn nicht die liebevoll gezeichneten Eichhörnchen, Dachse und Mäuschen so verzaubert. Hätte ihn das märchenhafte Tal mit seinen Beerenbüschen, dem Treibholz im rauschenden Fluss, dem majästetischen Evertree aus der Feder Andrew Bosleys, nicht so in seinen Bann gezogen.

Illustrationen hauchen Mechaniken, ja Mathematik, Leben ein. Die, die sie erschaffen, müssen gewürdigt werden. Ohne Ausnahme.

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