Sommerinterviews #4 – Strohmann Games

Zurück aus dem Sommerstrampelurlaub durch bayerns Kuhdörfer und auch wieder davon erholt, gibt es heute gleich ein Interview und zwar mit dem guten Marcel über seinen neuen Verlag Strohmann Games. Die ersten drei Titel des Verlags sind übrigens bereits über den 4X Brettspielmarkt vorbestellbar und erreichen uns noch in diesem Jahr. Übrigens, wer sich für meine anderen Interviews mit Skellig Games, Board Game Circus und Dennis Lohausen interessiert, klickt am besten mal auf die Kategorie „Interviews“. Zur Zeit arbeite ich auch bereits an drei weiteren. Aber jetzt überlassen wir mal Marcel die Bühne. Viel Spaß!

Hallo, hei, moi und terve Marcel! Schön, dass du mir ein Interview gibst. Du hast sicherlich den jüngsten Verlag, den ich bisher interviewt habe. Erzähl den Lesern doch bitte in ein paar Sätzen auf was du dich mit deinem Verlag, „Strohmann Games“ fokussierst. Möchtest du ein vielfältiges Angebot aufstellen, oder hast du eine klare Linie?

Also grundsätzlich liegt der Fokus, zumindest zu Beginn, auf der deutschen Lokalisierung internationaler Titel. Was die Spieleauswahl betrifft, möchte ich mich eigentlich nicht einschränken. Ich selbst bin Vielspieler und eher im Euro-Kenner/Expertenbereich zuhause, entsprechend haben es vielleicht Spiele aus diesem Bereich einfacher, mein Interesse zu wecken, aber auch interessante Familienspiele können und werden bei Strohmann Games auftauchen. Grundsätzlich halte ich nach Spielen Ausschau, die sich bereits international bewährt haben, also schon mehrere gute Bewertungen/Reviews eingefahren haben und mich zusätzlich auch noch persönlich ansprechen, weil sie vielleicht dem Genre noch den einen oder anderen interessanten Twist zufügen.

Die folgende Standardfrage muss sein, verzeih mir. Was hat dich dazu bewogen, einen eigenen Verlag zu gründen? Fehlte dir immer mal wieder ein bestimmtes Spiel auf Deutsch und du wolltest das ändern? Wolltest du dein Hobby zum Beruf machen? Nehme ich dir die Antwort schon vorweg?

Im Prinzip habe ich tatsächlich mein Hobby zum Beruf gemacht, da ging es jetzt weniger um ein spezielles Spiel, von dem ich eine deutsche Version machen wollte. Beruflich komme ich aus dem kaufmännischen Bereich und hatte auch schon die ein oder andere Verbindung in die „Brettspiel-Szene“, da habe ich mich dann entschieden, dass zusammen zu bringen und einen Verlag zu gründen.

Wie sah dein Brettspielleben vor Strohmann Games aus? Warst du einfach begeisterter Brettspieler, hast du gar schon als Erklärbär gearbeitet oder Spieletreffs gegründet?

Begeisterter Brettspieler trifft es selbstverständlich schon mal. Allerdings war ich ansonsten nicht pro-aktiv als Erklärbär oder Gründer von Spieletreffs unterwegs, wohl aber als Teilnehmer bei entsprechenden Spieltreffs/-stammtischen. Dort bin ich auch das eine oder andere Mal über interessante Prototypen gestolpert, was ich auch sehr spannend fand und habe auch Kontakt zu Bloggern, Autoren und Verlagen bekommen.

Jetzt fällt deine Verlagsgründung ja mitten in die Corona Zeit. Deine drei ersten Spiele, Formosa Tea, Fantastische Reiche und Flotilla sind vermutlich bereits in Produktion. Hat Corona deine Verlagsgründung oder besagte Produktion verzögert bzw. behindert?

Die Entscheidung und Gründung des Verlags waren ja bereits vor Corona, d.h. da gab es dann keinen Effekt mehr. Leider hat sich tatsächlich die Produktion zwei meiner drei Neuheiten dieses Jahr verzögert, ob bzw. wie viel damit jetzt mit Corona zusammenhängt kann ich nicht beurteilen. Und auch welchen nachhaltigen Effekt Corona auf das Brettspiel „Business“ hat, wird erst die Zukunft zeigen.

Wann erscheinen deine ersten Veröffentlichungen, Stand jetzt, genau?

Wie schon gesagt, gibt es leider Verzögerungen bei zwei meiner drei Titel, was eine seriöse Vorhersage eines konkreten Veröffentlichungstermins leider unmöglich macht. Einzig bei Fantastische Reiche sieht es etwas planbarer aus. Ich denke ab Mitte Oktober sollte es erhältlich sein. Bei Flotilla und Formosa Tee sieht es eher nach einem Termin in der zweiten Hälfte des vierten Quartals aus.

Formosa Tea sieht mir nach einem putzigen Worker Placer aus. Davon gibt es allerdings sehr viele. Was macht das Spiel besonders?

Den Begriff „putzig“ würde ich hier definitiv nicht verwenden. Das Besondere an dem Spiel ist ein Arbeiter„vorrück“mechanismus, der eben ein sehr interaktives Element reinbringt und ein gutes Timing erfordert. Vereinfacht gesagt bewegen sich alle eingesetzten Arbeiter in der Teeproduktion vorwärts, wenn an einer bestimmten anderen Stelle auf dem Plan neue Arbeiter eingesetzt werden. Auf der einen Seite möchte man das auch, aber man hilft ggf. damit auch den Mitspielern. Außerdem kann ein Spieler, wenn er durch diese Mechanik bis an das Ende der Teeproduktion vorgerückt ist, seinen Arbeiter wieder zurücknehmen und noch in der gleichen Runde erneut einsetzen. Wie schon gesagt, ist das Timing hier ganz entscheidend. Ach ja, zusätzlich ist auch das Thema Teeproduktion im alten Taiwan sehr schön und liebevoll umgesetzt.

Quelle: Strohmann Games

Es handelt sich um ein Spiel aus Taiwan. Spiele aus Asien schaffen es ja oft eher selten lokalisiert zu uns. Wäre das vielleicht eine Nische für dich? Siehst du dich dort besonders um, oder war das in diesem Falle eher Zufall und du warst lediglich vom Spiel so angetan?

Ich habe mich nicht auf eine Region spezialisiert. Formosa Tea hatte ich letztes Jahr in Essen als Neuheit weit oben auf meiner Liste und nach einem kurzen Anspielen war mir auch klar, dass ich das Spiel kaufen musste. Als ich dann den Verlag gegründet hatte, lag es natürlich Nahe hier nach den Möglichkeiten einer Lokalisierung anzufragen. Ich finde, es gibt immer wieder interessante Spiele aus Asien, die ja oft auch in einer deutschen Version erscheinen, spontan fallen mir da Yokohama, Airship Cities und natürlich Love Letter ein.

Sind deine drei Erstlinge explizit Spiele, die du dir privat gekauft und sofort geliebt hast? Oder hast du ein allgemeines Scouting betrieben und auch einen entsprechenden Markt dafür gesehen?

Das mit „Scouting“ und „Markt“ klingt mir ein bisschen zu nüchtern. Ich habe mich auch schon vor Verlagsgründung immer mit internationalen Neuerscheinungen beschäftigt und nicht darauf gewartet, dass Spiele in Deutschland erscheinen. Mit Kickstarter und der steigenden Zahl an internationalen Bloggern ist das Ganze ja ohnehin auch immer international transparenter geworden. Das hat sich durch die Verlagsgründung nicht verändert. Primär halte ich nach Spielen Ausschau, die mich als Spieler interessieren. Mit der „Verlagsbrille“ versuche ich aber dann natürlich schon auch zu beurteilen, ob ich mit meiner Meinung alleinstehe, oder ob das Spiel auch bei anderen gut ankommen könnte. Formosa Tee war dann tatsächlich so ein Fall, dass ich privat gekauft und sofort geliebt habe. Zusätzlich kam auch noch positives Feedback aus den Spielrunden dazu. Flotilla hatte ich in Essen auch auf meiner Liste, hatte aber keine Möglichkeit es dort zu spielen. In Nürnberg hatte ich dann Kontakt zu Wizkids und erfahren, dass die deutsche Lizenz noch verfügbar war, dann habe ich es getestet, für sehr gut gefunden und mich entschieden es zu machen.

Deine jüngste Ankündigung ist „Fantastische Reiche“, im Original „Fantasy Realms“. Das Spiel ist von 2017 und hat beispielsweise bei Tom Vassel vom „Dice Tower“ sehr gut abgeschnitten. Wie bist du darauf gekommen? Hat man dir das bei Wizkids angeboten?

Das hatte ich gar nicht auf dem Schirm und es wurde mir tatsächlich von Wizkids in Nürnberg angeboten, weil sie selbst wohl schon mehrere Anfragen nach einer deutschen Version bekommen haben. Ich habe dann schnell gesehen, dass es hier schon eine große Fanbase in Deutschland gibt, die schon lange auf eine Lokalisierung wartet. Dann hatte ich mir ein englisches Exemplar aus Italien geordert, es für gut befunden hatte und mich dann entschieden die deutsche Version zu machen.

Quelle: Strohmann Games

Wie funktioniert das eigentlich, wenn man ein Spiel lokalisieren möchte? Schreibt man da einfach eine Mail an einen Verlag und fragt nach, ob schon ein deutscher Partner vorhanden ist? Vielleicht möchtest du mal ein bischen aus dem Nähkästchen plaudern, wie der Prozess bis zum fertigen deutschen Spiel im Laden so abläuft.

Grundsätzlich ist es genau so. Wenn Du ein Spiel lokalisieren willst, versuchst Du zunächst einmal den richtigen Ansprechpartner zu erreichen und heraus zu finden, ob sie grundsätzlich bereit sind, das Spiel in Lizenz lokalisieren zu lassen, oder ggf. bereits jemand anderes an der Lokalisierung arbeitet. Bei manchen Verlagen erhältst Du auch keine Antwort oder sie haben gar kein Interesse an einer deutschen Version. Wenn aber alles passt und man sich auf einen Lizenzvertrag geeinigt hat, kommt die Produktion. Auch da gibt es mehrere Optionen. In den meisten Fällen (zumindest nach meiner kurzen Erfahrung) hängst Du Dich an die Produktion der neuen „Original“-auflage dran, d.h. insgesamt wird die Auflage größer und damit für alle Seiten günstiger. Insbesondere bei älteren Spielen kann es aber auch sein, dass Du die Produktion selbst übernimmst und Dir dann entsprechend einen Hersteller aussuchen kannst. Ach ja, je nachdem wo produziert wurde, kommt dann noch der Transport nach Deutschland. Das sind aus Asien aktuell dann nochmal knapp 8 Wochen, bis dann das fertige Spiel hier verfügbar ist.

Ich kann mir vorstellen, dass es gerade für einen brandneuen Verlag enorm wichtig ist, sich zu präsentieren. Wie sehr schmerzt da der Ausfall von Veranstaltungen? Vermutlich hast du ja bereits vor Corona an eine Verlagsgründung gedacht. War der Plan ursprünglich auch, eine Tour quer durch die Republik zu machen, um deine Spiele und deinen Verlag auf diversen Veranstaltungen vorzustellen?

Eine Tour durch die ganze Republik vielleicht nicht gerade, aber ja, natürlich hatte ich geplant bei diversen Veranstaltungen Strohmann Games vorzustellen und bekannt zu machen. Insbesondere auch der Direktvertrieb auf diesen Veranstaltungen ist bei einem kleinen neuen Verlag keine unerhebliche Größe. Auf der anderen Seite wäre das Ganze auch mit sehr großem organisatorischem und finanziellem Aufwand verbunden gewesen. Trotzdem wäre es natürlich schön gewesen und auch der persönliche Kontakt hätte mich sehr gefreut.

Noch eine Frage, die ich so in der Art gerne stelle, da mich verschiedene Perspektiven sehr interessieren: ESSEN findet 2020 hauptsächlich digital statt. Bist du interessiert, daran in irgendeiner Form teilzunehmen? Und wenn ja, was würde dir helfen? Eine Präsentation deiner Spiele? Eine Verkaufsplattform? Inzwischen sind ja bereits erste Informationen zur Messe durchgesickert. Wirst du mit einem Stand vertreten sein?

Ich habe lange gezögert, da ich als reiner Lokalisierer natürlich die ganzen internationalen Gäste nicht anspreche und speziell bei einer Online-Veranstaltung dieser Anteil natürlich noch höher sein wird als sonst, insbesondere auch weil die Anreise entfällt. Letztendlich habe ich mich aber doch entschieden mit einem Stand teilzunehmen. Erstens, weil ich es gut finde, dass es zumindest in irgendeiner Form stattfindet und zweitens, weil ich natürlich so trotzdem meine Neuheiten hoffentlich besser der breiteren Masse zugänglich machen kann. Vielleicht nicht direkt über meinen virtuellen Stand, da sind die Präsentationsmöglichkeiten doch beschränkt, aber zumindest hoffe ich, dass sie bei diversen anderen Aktionen, entweder lokal oder auch aus der Bloggerszene präsent sind. Das mit dem Messeverkauf ist da schon ein größeres Problem, da natürlich der Impuls direkt am Verlagsstand das Spiel zu kaufen und mitzunehmen, den ich ja auch aus Spielersicht zu gut kenne, wegfällt. Und die Bestellung über eine Online-Verkaufsplattform ist dann schon was anderes. Erstens hat man das Spiel dann nicht gleich in den Händen, zweitens kommen dann immer noch für irgendjemanden Versandkosten dazu und drittens konkurriert man dann ja auch schon mit den übrigen Online-Händlern. Mal schauen, was passiert.

Drei Spiele angekündigt für dieses Jahr, aber was kommt danach? Vermutlich hast du ja bereits weitere Titel auf dem Zettel. Hängen weitere Veröffentlichungen ausschließlich am Erfolg deiner ersten Titel, oder hast du bereits ein weiteres Projekt in der Pipeline?

Ich habe natürlich eine sich stetig verändernde Liste mit potentiellen Titeln, die ich mir gut vorstellen könnte. Teilweise kommen immer brandneue Spiele dazu, die ich aber erst mal testen möchte, teilweise fallen auch immer Spiele weg, die dann schon bei einem anderen Verlag lokalisiert werden oder bei denen kein Interesse an einer Lokalisierung besteht. Ganz brandaktuell gibt es tatsächlichen den vertraglichen Vollzug für eine weitere Veröffentlichung, allerdings erst in 2021. Ich möchte noch nicht sagen welche, aber es kann durchaus sein, dass es schon vor oder während Essen über eine Crowdfunding-Plattform gebackt werden kann.

Wie wird der Vertrieb deiner Spiele ablaufen, mit welchem Partner arbeitest du zusammen? Und wo können wir am Ende deine Spiele kaufen?

Die Spiele werden ganz regulär im Handel erhältlich sein. Sowohl Online als auch im Ladengeschäft. Den Direktvertrieb mache ich aktuell über die 4X-App, da sind auch alle drei Neuheiten 2020 vorbestellbar. In der Distribution arbeite ich vor allem mit Spiel Direkt und Pegasus zusammen.

Wer übersetzt deine Spiele für den deutschen Markt? Machst du das selbst?

Ja, aktuell mache ich das selbst. Aber natürlich mit Unterstützung von vielen Lektoren und Korrekturlesern. Ich habe ja eine Zeitlang in Seattle gelebt, so dass das Englische kein Problem darstellt und deutsche Spielregeln kenne ich ja als langjähriger Spieler auch zur Genüge, so dass die wesentlichen Grundvoraussetzungen gegeben sind. Es ist auch schon mein Anspruch, nicht nur eine „Google-Translate“ Übersetzung zu erstellen, sondern dass es sich auch gut liest und die Regeln vor allen Dingen eindeutig sind und keine Fragen offen lassen.

Kannst du dir vorstellen in Zukunft auch selbst Spiele von der Idee zur Marktreife zu bringen und zu veröffentlichen? Oder planst du ausschließlich mit Lokalisierungen?

Zunächst plane ich ausschließlich mit Lokalisierungen, aber möchte die andere Option für die Zukunft nicht ausschließen. Ich habe einen großen Respekt vor der redaktionellen Arbeit, die, meines Erachtens, insbesondere bei vielen Kickstarter Projekten leider etwas zu kurz kommt. Aber spannender als eine reine Lokalisierung ist es natürlich schon, ein Spiel von der Idee zur Marktreife mit zu entwickeln. Mal schauen was hier die Zukunft so bringt.

Vielen Dank für deine Zeit und vor allem: viel Erfolg mit Strohmann Games! Ich freue mich immer, wenn es neue Verlage gibt, die die Auswahl auf dem deutschen Markt vergrößern.

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