Angelegt #6 – Wir Spielende

Wir Spielende. Wir erwürfeln keine Monopole mehr und ärgern uns durchaus. Heute errichten wir Metropolen unter Wasser, nähen Decken zusammen, bewirtschaften Felder, führen Kriege. Wir bringen Vögel in ihre bevorzugten Habitate, arrangieren Bilder, erschaffen und vernichten Zivilisationen. Wir rechnen, wir deduzieren, wir planen uns Knoten in die Neuronen. Wir halten unsere Karten nicht mehr selbst, kleiden sie in transparentes Gewand, bündeln sie mit zweckentfremdeten Fetischaccessoires. Wir kaufen, planen und konstruieren um zu ordnen.

Wir legen Pappe nicht mehr auf Tische, wir legen sie in Schalen und präsentieren sie wie andere Leute Obst und Edelsteine. Wir bezahlen, um nicht mit Papier und Pappe bezahlen zu müssen, wir legen Wert nicht einfach nur zu spielen, sondern optisch wie haptisch ansprechend zu spielen.

Wir Spielende, wir streichen die Gesellschaft aus den Spielen und haben trotzdem Spaß, messen uns mit uns selbst und mit dem Spiel. Nicht nur gegeneinander, auch miteinander.

Wir ärgern uns nicht nur im Sieg, sondern auch in der Niederlage. Wir ärgern uns über nicht optimal und minutiös geplante Spielzüge, über Denkfehler und Rechenfehler, über Spielfehler und scheinbare Ungerechtigkeiten. Über immer die gleiche Person, die minutenlang ins Leere starrt und doch nur vergessen hat, dass sie am Zug ist. Wir ärgern uns über uns selbst, unsere menschenhohe Stapel an ungespielten Schachteln, an noch in Folie eingeschweißten Meisterwerken.

Aber wir freuen uns auch.

Wir Spielende freuen uns über das, was noch kommt, was da schlummert, wartet. Schon über den Anblick füttert sich die Erwartung an den Spaß, der da noch kommen mag. Wir erfreuen uns am Potential. Wir erfreuen uns über neue Kreativität unserer persönlichen neuen und alten Stars, über neue Mitspielende, über das beisammen sein, über das Diskutieren, über die Suche nach dem perfekten Spielzug.

Und Sparfüchse, das sind wir auch. Wir sparen vier Euro Versand indem wir vierzig Euro mehr für Spiele ausgeben. Zahlen derer zwanzig mehr um Pappe durch Metall, Holz, Neopren und Kunststoffe zu ersetzen.

Wir Spielende. Wir zahlen gern nicht dreißig sondern dreihundert echter metallener Münzen für Armeen aus in Übersee verarbeitetem Erdöl. Wir regen uns auf und schimpfen und Fluchen, nur um es dann wieder zu tun. Wir fiebern drei Wochen mit jeder neuen Karte, die scheinbar, die angeblich, die ganz sicher nur wegen uns zusätzlich beigelegt wird. Und warten drei Jahre, nach denen wir kaum noch unterscheiden können, uns kaum noch erinnern.

Wir Spielende würfeln und legen, wir setzen und stellen, wir nehmen und decken auf. Wir drehen und zeichnen, wir schreiben und malen und lesen und dann grübeln wir. Und wir warten, wir warten und warten und warten um einen Moment zu würfeln und wieder zu warten. Und wenn wir nicht gestorben sind, dann warten wir noch heute.

Wir spielen nicht ab und an mal ein Spiel, wir spielen drei, fünf, sieben Partien und wünschten es wären dreißig, fünfzig, siebzig. Wir werden nicht müde, wollen nicht aufhören, nicht ins Bett gehen, wie früher, als der Weihnachtsmann die schönen bunten Schachteln gebracht hatte. Wir rotten uns an Wochenenden zusammen und meiden Nahrung, aus Angst, sie könnte unsere wertvollen Güter beschmutzen, ja zerstören, verunstalten. Beäugen Schokolade Essende am Tisch wie Samweis einst Gollum.

Aber auch geduldig sind wir, mal mehr und mal weniger. Weil wir Entdecker sind, weil wir Erklärer sind, weil wir Missionare sind. Weil wir Flaggen in unbekannte Territorien stecken, um diese anschließend mit der Welt, mit unserer Welt, mit unseren Freunden und der Familie zu teilen.

Wir suchen sorgsam aus, wir fühlen vorsichtig vor, wir warten auf den richtigen Moment. Wir bauen auf, wir sortieren und bereiten vor. Wir denken nach und führen vor, wir erklären sorgsam. Und dann hoffen wir. Auf den Funken im Auge des Gegenübers. Auf die erfolgreiche Infektion, die der guten Sorte, der Spielbegeisterung. Auf die Nachricht Stunden später aus dem Zug, dass auch dort die Sammlung wächst weil die Freude immer noch anhält. Und dann. Dann sind wir glücklich.

Wir setzen Regeln fürs richtige Würfeln fest, lassen es Türme für uns machen. Wir widersetzen uns den Kreativen in unseren eigenen vier Wänden, wenn diese uns nicht beobachten können und machen passend was nicht passend, nicht maßgeschneidert für uns gemacht. Wir lagern aufrecht oder liegend, wir planen Regale und ihre Befüllung, verwalten die raren Güter Platz und Zeit.

Wir Spielende legen Listen an, zeichnen Daten auf, werten sie aus und vergleichen sie. Wir führen Statistiken, wir sind Mathematikerinnen und Mathematiker wie wir Sommeliers für Pappstärken und Figurendetails sind, für Holzverarbeitung und Farbauswahl. Besitzen Expertise in Papierbeschaffenheit und für Sortiereinsätze, für Regelwerke und Ikonographie.

Vor allem aber sind wir zusammen. Wir tauschen und verhandeln untereinander, wir gewinnen und verlieren Seite an Seite. Spielen miteinender. Wir sind gesellschaftlich, wir grenzen nicht aus, wir akzeptieren, wir tolerieren nicht nur, wir integrieren. Das sind wir. Wir Spielende.

In diesem Sinne, euch allen ein paar schöne Feiertage, ob ihr Weihnachten feiert oder nicht.

„Bear“ (Chris)

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