Rezension # 11 – Detective: L.A. Crimes (Erweiterung)

Vorab: Diese Rezension ist spoilerfrei.

„Detective L.A. Crimes“ ist eine Erweiterung zum Krimi Brettspiel „Detective“ aus dem Jahr 2018 von den Autoren Ignacy Trewiczek und Mateusz Zaród, erschienen 2020 bei Portal Games im deutschen Vertrieb bei Pegasus Spiele. Eine Altersangabe gibt es nicht, aufgrund der Themen empfehle ich persönlich ein Mindestalter von 16 Jahren.

In L.A. wenig Neues

Wer das Grundspiel gespielt hat, muss sich kaum in neue Regeln einlesen. Für die, die es noch nicht gespielt haben und aus Mangel an einer Rezension von mir: Drei Kartenstapel bilden drei zusammenhängende Fälle, die ihr in einer festgelegten Reihenfolge lösen müsst. Dazu deckt ihr nach und nach Karten auf, was euch vor allem Zeit kostet. Nach einigen Tagen muss ein Abschlussbericht abgegeben werden, sprich einige Fragen beantwortet werden. Solltet ihr genug davon richtig beantwortet haben, erhaltet ihr eine positive Wertung und habt den Fall auch offiziell gelöst. Zu diesem Wertungssystem sei übrigens gesagt, dass ich es für wenig sinnvoll oder befriedigend halte. Da ist ein Fall gelöst, weil man vielleicht die entscheidende Frage mehr oder weniger zufällig richtig beantwortet hat, oder er ist nicht erfolgreich abgeschlossen, obwohl 4 von 5 Fragen mit korrekten Antworten versehen wurden. Schlicht weil zu viel Stress gesammelt wurde. Dem System kommt jedoch ohnehin keine große Bedeutung zu. Ihr könnt auch dann den nächsten Fall angehen, wenn euch die Antares Datenbank eine mangelhafte Leistung im vorherigen bescheinigt hat.

Um zum Punkt zu kommen: In der Kampagne der Erweiterung läuft im Grunde alles genauso ab. Ein paar kleinere neue Mechanismen kommen hinzu, beispielsweise müsst ihr gelegentlich sofort eine Entscheidung treffen. Da ist euer Team beispielsweise am Haus eines Verdächtigen angekommen und eine vermummte Gestalt ist in der Nähe gesichtet worden. Stürmt ihr aus dem Fahrzeug und überwältigt sie? Wartet ihr auf einen Gerichtsbeschluss? Oder macht ihr lieber Feierabend und fahrt unverrichteter Dinge wieder davon?

Neues Spielbrett – alte Marker. Hierfür wird das Grundspiel benötigt.

Bitte nicht nachmachen

Das Grundspiel haben wir zu Dritt genossen und uns deutlich mehr Zeit gelassen, als von den Schaffenden vorgesehen. Was jedoch in der Erweiterung noch deutlicher auffiel: die vielen Fehler. Da wird in Los Angelese der Hund geschüttelt und mit sich selbst telefoniert. Bitte nicht zuhause nachmachen – Tierschutz und so. Da wird noch im Regelheftchen als „Tipp von Testern“ der Hinweis gegeben, dass in den 80er Jahren noch kein System das Stresslevel der zu verhörenden Personen messen kann und noch am Ende des ersten Falls wird das dann ohne Ankündigung über den Haufen geworfen. Da heißt es, dass die Technologie Fertigkeitsplättchen zur Seite gelegt werden können, plötzlich ist aber eben eines davon notwendig um tiefer zu recherchieren. Und da sind die Autoren sich auch mal nicht ganz sicher, ob jemand jetzt Robert oder Michael heißt. Das ist oft verwirrend und legt Steine in den Ermittlungsweg, die da so nicht liegen müssten. Tippfehler kann ich auch in der Menge noch verzeihen, es ist eben ein wortreiches Spiel und auch wenn sie den Lesefluss gelegentlich stören, mahne ich hier nur mehr Sogfalt an, werte die Erweiterung deshalb jedoch nicht ab. Die übrigen genannten Fehler muss ich jedoch berücksichtigen. Das ist teils schlampig gemacht und sorgt unter Umständen beim Spielen für Verwirrung und letztlich auch Ärger.

Die Texte inklusive ihrer Übersetzung sind jedoch durchaus gelungen, auch wenn ich mir die Sprache etwas derber gewünscht hätte. Die recht stereotypen Charaktere fluchen am liebsten so: „Meine Ermittlungen werden von allen Seiten behindert. Das ist doch kompletter Mist!“

Einer der Ermittler der Erweiterung: Da hätte auch ein Bild meines Vaters von vor 40 Jahren gepasst.

Geschichtsträchtig

Das Herz von „Detective“ war schon immer die Geschichte. In diesem Spiel stirbt nicht einfach Renate Gurbelschwurb und die Spielenden suchen nach der Täterin oder dem Täter. Hier geht es um mehr, um große Verschwörungen, oft basierend auf realen Ereignissen, um wilde Theorien, um überraschende Wendungen. Naturgemäß kann ich auf das, was wirklich passiert, nicht eingehen. Jede Information könnte auf einer Karte stehen, die ihr in eurem Durchgang nie zu Gesicht bekommen werdet. Was ich sagen kann: Für uns war vieles nicht so überraschend, wie noch im Hauptspiel. Ideen doppeln sich eben. Und wenn wir überrascht wurden, wirkten die Motive und die Umstände nicht immer plausibel. Aber wie so oft gilt – vielleicht ging das ja nur uns so. Gerade hier würde ich gerne ein Beispiel bringen und versuche es mit einem fiktiven. Stellt euch vor, ihr würdet jemandem eine Bombe schicken wollen. Würdet ihr euren echten Namen als Absender angeben? Jaja, vielleicht habt ihr nicht mehr alle Meisen am Knödel und wollt gefunden werden, habt euch einen perfiden Plan ausgedacht und eure Wohnung mit Sprengstoff präpariert. Aber jetzt tun wir mal so, als wäre die Antwort eindeutig. Und zwar „Nein!“. Zumindest eine Auffälligkeit dieser Art ist mir in Erinnerung geblieben.

Dennoch, und das möchte ich in den Vordergrund rücken, die Kampagne war insgesamt gut ausgedacht und verzahnt. In zwei von drei Fällen hatten wir am Schluss nicht alle Fragen richtig beantwortet obwohl wir doch immer in die richtige Richtung ermittelt hatten. Aufmerksamkeit ist gefragt. Ein Auge für Details. Und ein Hang zu recht abenteuerlichen Theorien. Vortrefflich haben wir drei bis vier Stunden pro Kartenstapel diskutiert und uns auch so manches mal geirrt. Da war uns auch mal der Zufall gewogen, wenn bei der genaueren Untersuchung einer Akte noch ein entscheidender Hinweis auf die Rückseite gekritzelt war. Und da war er auch mal gegen uns, wenn eine eigentlich vielversprechende Zeugin dann doch nichts gesehen hatte weil zum Zeitpunkt des Vorfalls gerade eine vorbeifliegende Taube ihr Sichtfeld einschränkte. Diese Beispiele sind, wenig überraschend, wieder einmal fiktiv. Wichtig war für uns: Am Ende wurde alles recht gut zusammengeführt.

Und auch die kleinen Veränderungen kamen bei uns gut an. Sofort eine Entscheidung treffen? Wirklich? Aber…aber… wir haben doch schon so viel Stress gesammelt. Und würden dennoch gerne einfach rein in die Bude. Bis zum Gerichtsbeschluss kann es ja… Stunden dauern! Nicht, dass dann keiner mehr da ist!

Fazit & Wertung

Die erste Erweiterungskampagne zu „Detective“ schickt uns in ein atmosphärisches Los Angeles der 80er Jahre, untermalt mit stimmigen Bildern. Meiner Gruppe gefiel die Geschichte des Grundspiels jedoch einstimmig besser, unter anderem auch, da sie aus fünf statt drei Fällen besteht und so mehr Raum zur Entfaltung hat. Ich hätte mir ein wenig mehr frische Ideen gewünscht und besonders plausibel wirkten viele der durchaus überraschenden Entwicklungen auch nicht immer. Hinzu kommen die vielen Fehler der deutschen Version, sowohl auf den Karten als auch in der Antares Datenbank. Da reicht es dann trotz des bewährten und in meinen Augen hervorragenden „Detective“-Systems nur noch zu einer mittleren aber keineswegs schlechten Wertung. Wer nach Abschluss des Grundspiels mehr vom Gleichen möchte ist hier wieder „solide“ aufgehoben.

Pro

  • gut eingefangene 80er TV-Krimi Atmosphäre
  • eine zusammenhängende Kampagne – tut dem Spielsystem sehr gut
  • kostenloser vierte Fall zum Ausdrucken
  • kleinere neue Mechaniken fügen sich meist gut ein

Contra

  • reichlich Fehler auf Karten und in der Datenbank
  • einige Entwicklungen in der Geschichte wirkten wenig plausibel
  • Ideen doppeln sich gelegentlich mit Hauptspiel

3 / 6 Honigtöpfe

-> solide

Übrigens: Demnächst kommt von mir noch eine Rezension zur Erweiterung „Doppelter Boden“, einem eigenständigen Fall zu „Detective“. Im Frühjahr 2021 erscheint ein weiterer Fall, „Petty Officers“. Eine weitere Kampagne ist bisher nicht angekündigt. Stattdessen erscheint im April mit „Vienna Connection“ ein geistiger Nachfolger zu „Detective“.

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