Rezension # 12 – Flügelschlag Ozeanien-Erweiterung

Flügelschlag Ozeanien ist eine Erweiterung zu, äh, ja genau, Flügelschlag aus dem Jahr 2018. Die Erweiterung ist 2020 im Original bei Stonemaier Games und in der deutschen Fassung bei Feuerland Spiele erschienen. Geeignet ist sie für 1 – 5 Spieler ab 10 Jahren und gespielt in 40 – 70 Minuten. Erdacht wurde sie von Elizabeth Hargrave, wunderbar illustriert von Natalia Rojas, Ana Maria Martinez Jaramillo und Beth Sobel.

Flügelschlag polarisiert. Zumindest innerhalb der Brettspielblase, die ich im realen Leben allerdings regelmäßig durchbreche, da ich oft und gerne mit Gelegenheitsspielenden spiele, die bei und mit mir neue Spiele entdecken möchten. Von „Das ist doch ein durchschnittlicher Engine-Builder der durch seine Komponenten, Illustrationen und nochmals Komponenten blendet!“ bishin zu „Großartiges Gateway Spiel um Gelegenheitsspielenden diese Mechaniken näherzubringen“ habe ich zum Thema schon alles gelesen. Und groß war die Aufregung, als das Grundspiel eigentlich alle Boardgamegeek Awards des Jahres 2019 gewann. Ich habe es nicht rezensiert, werde meine Meinung aber auch in dieser Rezension zur nun schon zweiten Erweiterung einfließen lassen. Und kurz und nur in Auszügen die Regeln erklären. An denen sich auch in Ozeanien wenig ändert.

Fünf neue Bonuskarten kommen hinzu – die mitunter schwer zu erfüllen sind

Unter Artenschutz…

…scheinen die Grundregeln zu stehen. Wie im Grundspiel erhält jeder Mitspielende ein Brett mit drei Lebensräumen, die es mit Vögeln zu besiedeln gilt. An den grundlegenden Aktionsmöglichkeiten ändert sich nichts, entweder siedelt ihr einen neuen Vogel aus eurer Kartenhand in einem passenden Lebensraum an, sammelt Futter aus dem Vogelhäuschen, holt euch frische Vögel oder lasst sie Eier legen. Die Neuerungen liegen im Detail, haben aber gravierende Auswirkungen.

Neu hinzu kommt Nektar als zusätzliche Futterart sowie eine Mehrheitswertung für ausgegebenen Nektar je Lebensraum. Nektar ist die eierlegende Wollmilchsau im Vogelreich, wer von uns hat denn noch nicht bei BBC Earth Adler oder Emus Blüten auslecken sehen? Für das Ansiedeln von Vögeln ausgegebener Nektar wird auf den nagelneuen Spielertableaus auf ein passendes Feld gelegt und bringt bei Spielende Siegpunkte, sollte man dadurch die meisten oder zweitmeisten in einer Reihe angehäuft haben.

Hinzu kommen 95 neue Vogelkarten (außerdem werden drei Fehldrucke aus der Erstauflage des Grundspiels ersetzt) sowie einige frische Bonuskarten und Rundenziele. Die Würfel des Grundspiels werden durch neue ersetzt, um den Nektar ins Spiel zu bringen, Solo Spielende freuen sich vermutlich über den neuen Automa – den ich selbst nicht ausprobiert habe. Neu ist auch die Fähigkeit in gelb auf vielen der neuen Vögel, die am Spielende ausgelöst wird. Da dürft ihr beispielsweise mit dem Südsee-Sumpfhuhn am Schluss noch ein Ei, also auch einen Siegpunkt, auf jeden Vogel im Wasser legen.

Neben dem Nektar als Joker für Futterkosten verändert sich das Spiel jedoch vor allem durch die neuen Tableaus. Ich werde später noch mehr ins Detail gehen, in diesem Abschnitt dazu nur so viel: Die Ausschüttung von Eiern wurde deutlich reduziert, die von Vogelkarten und Futter erhöht.

Tableauvergleich: Links Ozeanien, rechts Grundspiel

Viele viele bunte Kaaaarten

95 neue Vögel erweitern das ohnehin schon absurd große Kartendeck von Flügelschlag (170 Karten im Grundspiel). Zusammen mit der „Europa-Erweiterung“ türmen sich 366 Karten regelmäßig auf meinem Esstisch. Zuzüglich einiger Promo Karten, die das Kraut zugegebenermaßen nicht mehr fett machen. Alle sind wunderhübsch illustriert und liefern einen kleinen „Fun Fact“, über den man sich vortrefflich in der Wartezeit zwischen den eigenen Zügen unterhalten kann. Wärmstens möchte ich euch die inoffizielle „Flügelklang“ App ans Herz legen, die ihr kostenlos im Google Play Store bekommt. Damit lassen sich fix und unkompliziert die Karten scannen und der Gesang bzw. das Geräusch der Vögel abspielen. Spätestens damit bildet „Flügelschlag“ ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk für Freunde des gepflegten Vogels.

Das inzwischen extrem große Deck führt dazu, dass ihr in einer Partie unter Umständen keine der neuen gelben Fähigkeiten zu Gesicht bekommt. Außerdem stimmen die Prozentsätze auf den Bonuskarten nicht mehr, ein Umstand, welcher schon mit der Europa-Erweiterung existierte. Das Hauptproblem scheinen hier Unterschiede in den Trivialnamen der Vögel zwischen der deutschen und der englischen Sprache zu sein. Das Regelheft empfiehlt daher, einige Bonuskarten zu entfernen, je nachdem mit welcher Erweiterungskombination ihr spielt. In meinen Partien entfallen jedoch ohnehin regelmäßig nur wenige Punkte auf diese persönlichen Ziele. Ich empfinde diesen Umstand demnach auch nicht als großes Problem. Eher fällt auf, dass einige Bonuskarten deutlich schwieriger in Einklang mit all den anderen Punktequellen, die es inzwischen so gibt, zu kriegen sind – ohne dabei entsprechend Punkte zu geben. Aufsteigende Spannweiten innerhalb eines Lebensraumes? Elizabeth, du machst mich fertig.

Alles Ozeanien oder was? Ja!

Große Veränderungen kommen auf euch zu

Sagte die Handlinienleserin zum abgezockten Touristen. Und hier hätte sie ihren Sold redlich verdient. Die neuen Tableaus bringen gewohnte Taktiken nämlich gehörig ins Wanken. Durch die schlicht deutlich geringere Ausschüttung von Eiern ist das Spielen der mittleren Reihe in den letzten Zügen oft nicht mehr die beste Wahl. Stattdessen muss oft noch bis zuletzt das Platzieren eines Vogels geplant werden. Für mich eine notwendige Änderung. Weitere Veränderungen betreffen die Möglichkeit das Vogelhaus neu zu würfeln oder die Kartenauslage zu erneuern über die zweite sowie vierte Spalte des Wald- bzw. Wasser-Lebensraumes. Diese Aktionen kosten zwar jeweils etwas, sie bringen aber mehr Kontrolle ins Spiel. Gleichzeitig sorgt der Nektar für mehr Flexibilität im Bereich der Futterkosten. Wie oft habe ich im Grundspiel noch fluchen müssen, dass das verfügbare Futter schlicht das falsche für meine Vogelkarten ist.

Die neuen Würfel und Rundenziele. „Kein Ziel“ bedeutet übrigens, dass ihr euren Würfel behalten dürft, also die Partie etwas verlängert.

Das Problem an diesen Futterjokern ist, dass ihr Erhalt wenig steuerbar ist. Wer das Vogelhaus neu würfelt kann Glück haben – oder eben auch nicht. Zwar verfällt übriger Nektar jeweils am Rundenende, dies zu vermeiden fällt jedoch nicht besonders schwer. Gründe etwas anderes zu nehmen gibt es demnach kaum.

Die neuen Tableaus nehmen dem Spiel insgesamt aber eine große Portion Zufall – ohne möchte ich wahrscheinlich nicht mehr spielen. Es mag aber auch Menschen geben, für die sich die Vogelsammelei nun zu leicht anfühlt. Ist ja alles eine Sache der Perspektive.

Fazit & Wertung

Die gravierenden Veränderungen, die die Ozeanien-Erweiterung herbeiführt, beziehen sich vorwiegend auf die Spielbalance und das allgemeine Spielgefühl. Sie bringt Freiheiten, Flexibilität. Der Rest ist „more of the same“, wie man so schön sagt. Neue Karten, eine neue Fähigkeit, eine neue Futtersorte. Und ich behaupte, dass das auch ganz gut so ist. Flügelschlag ist am Ende auch irgendwo ein Vogel-Entdeckungsspiel – zu dem jedes Jahr ein neues Kartenpack erscheint. Sorgen, dass die Erweiterung das liebgewonnene Grundspiel mechanisch deutlich verändert, muss man sich auch bei „Flügelschlag Ozeanien“ nicht. Gelegenheitsspielende könnten sich jedoch durch die Vielzahl an Fähigkeiten, die es inzwischen gibt, überfordert fühlen.

Pro

  • 95 neue, gewohnt fantastische Illustrationen
  • neue Tableaus verringern Zufall drastisch
  • Ei-Strategie deutlich abgeschwächt
  • mehr Freiheit & Flexibilität
  • preislich für das gelieferte sehr fair

Contra

  • Nektar einen Tick zu gut verfügbar und mächtig
  • Prozentsätze der Bonuskarten stimmen nicht mehr
  • neue Fähigkeit „am Spielende“ relativ unspektakulär

5 / 6 Honigtöpfe

sehr gut

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