Rezension # 13 – Der Perfekte Moment

„Einen Moment noch… ja, jetzt. Warten Sie bitte. Nun ist es recht. STOP!“. James drehte sich ab, bückte sich tief, stehts darauf bedacht, seinen piekfeinen Frack weder zu verknittern, noch versehentlich zu zerreissen, so eng saß dieser. Das mühselige Strecken seiner zarten Arme entblößte erst knochige Handgelenke und bald auch lange, bleiche Unterarme. „Sei ein braver Hund. Sitz! Ich meine Platz! Und jetzt Männchen. So ist es fein. Gleich gibt es etwas Feines als Belohnung“. Der kleine, stämmige Corgi, mit seinen spitzen Ohren, dem weißen Bauch mit seinen langen, fransigen Haaren und dem rötlich schimmernden Rückenfell blickte scheinbar verdutzt zurück, ganz als wolle er den fremden Mann, der ihn gerade zu drapieren versuchte, für verrückt erklären. „Mein guter Herr, wir müssen nun doch noch diese Photographie von Ihnen allen machen. Bitte mein Herr, was haben Sie eigentlich mit dieser haarigen Kreatur?“ schallte die kratzig-rauchige Stimme einer großen wie überaus schlanken Frau, anständig geschäftlich gekleidet in einen dunkelblauen, beinahe schwarzen Hosenanzug und im späten Herbst ihres Lebens in James‘ Nacken. „Ich sage Ihnen jetzt einmal etwas. Sie wurden angestellt, um ihren Beruf nach Wunsch ihres Kunden auszuüben. Und einer dieser Kunden, das bin nun einmal ich. Sie werden diese Photographie so aufnehmen, wie ich es wünsche. Und ich wünsche mir, das Gesicht dieser „Kreatur“, wie Sie sie nennen, zu verdecken.“ Verwirrt runzelte die angesprochene Photographin die Stirn, ganz so, wie es der kleine Corgi wohl gerne getan hätte, wenn es es nur gekonnt hätte. „Und nun sage ICH ihnen einmal etwas. Blicken Sie sich doch einmal kurz um. Ja, recht so, sehen Sie einmal hinter sich. Die Dame in Blau zum Beispiel. Sie wünscht sich bereits seit einer halben Stunde von mir, gänzlich von dieser Zierpalme verdeckt zu werden. Und das, wo ich doch aus sicherst möglicher Quelle zu wissen glaube, dass diese selbst am liebsten gar nicht auf dem Bild zu sehen sein möchte. Und besonders ungern neben weiblichen Geschöpfen steht. Ich gebe Ihnen und dieser ganzen dem Anschein nach dem Wahnsinn verfallenen Gesellschaft nun noch zwei Minuten, um eine Position zu finden, die Ihnen beliebt. Bevor ich noch selbst endgültig um meine eigene geistige Gesundheit zu bangen beginne.“ „Aber gute Frau“, erwiderte James mit aufgeregt-verunsichert wankender Stimme. „Unsere Gesellschaft strebt doch nur nach dem einen. Dem perfekten Moment!“.

„Der Perfekte Moment“ ist ein Merk- und im weitesten Sinne auch Deduktionsspiel von Anthony Nouveau, illustriert von Maja Wrzosek, Sören Meding, Gyula Pozsgay und Ronny Libor, erschienen 2020 bei Corax Games für 2-4 Spielende ab 10 Jahren. Gespielt wird etwa 45 Minuten pro Partie.

Das perfekte Familienspiel?

„Der Perfekte Moment“ ist in seinen Mechaniken gar nicht so leicht auf den Punkt zu bringen. Daher beschreibe ich kurz und bündig den Ablauf und ihr entscheidet, was es eigentlich ist.

Jeder Mitspielende bekommt zu Beginn einen Sichtschirm mit hübschem Hintergrund, eine Bodenplatte sowie einen Tisch, der darauf platziert wird. Außerdem 14 Figuren – Menschen, Hunde, Pflanzen, die in den persönlichen Vorrat gelegt werden. Nach und nach werden Umschläge getauscht, geliehen oder ersteigert, aus denen hervorgeht, wo die Personen, Hunde, Pflanzen, gerne stehen möchten. Ein Charles Darwin Verschnitt möchte in einer Runde vielleicht nicht neben Frauen stehen, dafür möchte die Dame in Orange aber vielleicht einfach gerne neben ihm stehen und dabei das Gesicht des kleinen Jungen mit dem Lolli verdecken. Die Präferenzen werden zufällig vor der Partie gesteckt, jeweils deren drei. Über sechs Spielrunden wird dann jeweils eine Tauschkarte aufgedeckt, die Regeln für den Tausch dieser Umschläge vorgibt – oder einen Auktionsmechanismus in der Tischdekoration wie Teller und Kerzenständer als Währung fungieren.

Wer sich gut Dinge merken kann, ist also eindeutig im Vorteil. Denn nur so gelingt es im Laufe der Partie am besten, möglichst viele Wünsche unter einen Hut zu bringen. Neue Wünsche ansehen, das Bild neu arrangieren und dabei die Präferenzen der bereits aufgestellten Gäste nicht vergessen. Gut: Das machen alle gleichzeitig. Nach den sechs Spielrunden wird ein Foto mit dem Smartphone gemacht und abgerechnet. Für einige wenige Wertungen ist dann der gewählte Blickwinkel relevant, vorwiegend wenn es um das Verdecken von Figuren durch andere Figuren geht.

Menschensalat. Der Aufbau für drei Spielende

Originell, witzig, solitär

„Der Perfekte Moment“ ist keine Interaktionsgranate. Durch die Sichtschirme weiß ich ja noch nicht einmal, was meine Mitspielenden so treiben, kann also maximal sehen, welche Figuren noch nicht platziert wurden und noch daneben stehen. Wer nicht platziert wird gibt zwar keine Punkte, jedoch auch keinen Abzug, wenn keinerlei Wünsche erfüllt wurden. Die „Liebling“ Karte erlaubt es aber jedem Spielenden, eine Figur doppelt zu werten – für jeden. So lässt sich immerhin ein wenig taktieren. Interaktion bringen außerdem die optionalen Auktionskarten. Diese ersetzen reguläre Tauschkarten und sind erst ab drei Spielenden wirklich sinnvoll. In gewissen Grenzen spielt auch Deduktion eine Rolle. Hat Vanessa die alte Frau mit der Brille schon gehabt? Hm, nein. Aber den Hund hatte sie, und der steht ja gern neben der alten Frau. Vielleicht hat sie sie daher doch bereits aufgestellt. Vielleicht stecke ich meine „Liebling“ Karte doch in einen anderen Umschlag.

Situationen wie in meiner Einleitung gibt es viele in diesem Spiel rund um Photographie und Selbstdarstellungswünsche. Da will dann eben die Topfpflanze das Gesicht des Hundes verdecken. Vielleicht verstehen wir unsere grünen Freunde doch nicht so gut, wie wir das immer gedacht haben. Immerhin stehen auf unseren Bildern nun nicht ausschließlich Menschen und das macht optisch dann doch noch ein bischen mehr her. Übrigens hat man sich ganz offensichtlich Mühe gegeben, bei der Auswahl letzterer Diversität zu leben. Durchaus wichtig bei einem Spiel, bei dem es im Grunde ausschließlich um Personen geht.

So könnte euer Abschlussbild aussehen. Die meisten Wünscherfüllungen lassen sich jedoch auch ohne klären.

HD Photographie?

Weniger gefällt mir teilweise die Produktionsqualität. Für die aufgerufenen etwa 40€ gibt es im Grunde ausschließlich Pappe, Papier und ein paar Kunststofffüße. Letztere sitzen oft so eng, dass sie die Kartonfiguren beim zusammenstecken beschädigen. Ich sehe hier ehrlich gesagt eher ein preislich 10€ günstigeres Spiel, angefangen schon beim ersten Auspacken der Schachtel mit dem schlichten, weißen Pappinlay bis hin zu den sehr breiten weißen Rändern um die Illustrationen der Charaktere. Dafür haben die Karten und Umschläge eine gute Qualität, auch das positive möchte ich erwähnen. Das ist auch wichtig, werden doch laufend Erstere aus Letzteren gezogen und wieder hineingesteckt. Übrigens: Die Aufsteller gibt es als optionales Zubehör auch aus Acryl zu kaufen. Auch eine Erweiterung für 5-6 Spielende ist verfügbar und kann bedenkenlos gekauft werden – die Wartezeit ist durch das gleichzeitige Spielen sehr gering. Außerdem verfügbar: eine kleine „Filmstar“ Erweiterung mit ein paar neuen Figuren und Karten die ich zu gegebenem Anlass gesondert rezensieren werde.

Die Illustrationen sind natürlich wie so oft Geschmacksache. Dieser vermutlich 1930er Jahre Stil (ich bin da zugegebenermaßen kein Experte) wurde gut eingefangen. Durchaus chic: die Locations auf den Sichtschirmen, die den Photohintergrund bilden. Sehr liebevoll hat man hier vier verschiedene Hintergründe, zwei verschiedene Böden und zwei unterschiedliche Tischdecken illustrieren lassen – ohne große spielerische Relevanz, einfach für mehr Abwechslung.

Tausch- und Auktionskarten: je nach Spielendenzahl unterschiedlich.

Fazit & Wertung

„Der perfekte Moment“ ist das fast perfekte Familienspiel. Weil es witzig, originell und vor allem simpel ist. Da lässt man das Auktionsmodul einfach weg und legt nach zehn Minuten mit der ersten Partie los. Und dann wird es vielleicht einige Wochen später beim nächsten familiären Spieleabend oder mit Gästen wieder aus dem Schrank geholt. Ich als Vielspielendem hätte mir aber noch ein paar kleinere, optionale Module gewünscht und vielleicht auch etwas besseres Material. Auf den Tisch kommt es aber dennoch immer wieder, nicht nur, weil meine Freundin es liebt, sondern weil es einfach so anders ist, als so viele andere Spiele. Für diese Familien- und Gelegenheitsspielenden Tauglichkeit gibt’s ein „sehr gut“.

Pro

  • durchaus originell
  • kreiert witzige Situationen
  • Diversität in der Figurenauswahl
  • leicht zu lernendes Familienspiel
  • sehr gut geschriebene Regel

Contra

  • etwas abwechslungsarm
  • durchschnittliche Komponenten

5 / 6 Honigtöpfe

sehr gut

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

Erstelle eine kostenlose Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: