Rezension #14 – Switch & Signal

„Switch & Signal“ ist ein kooperatives Warenlieferungs- / Netzwerkbauspiel für 2 bis 4 Spielende ab 10 Jahren von David Thompson mit Illustrationen von Antje und Claus Stephan, erschienen 2020 beim Kosmos Verlag. Gespielt wird laut Schachtel etwa 45 Minuten.

Spielablauf: Gemeinsam ans Ziel

So steht es jedenfalls auf der Schachtel. Aufgrund des Spielablaufs würde ich jedoch sagen, dass ihr auch alleine gut ans Ziel kommen würdet. Könnt. Nunja, oder zusammen mit euren anderen Persönlichkeiten.

Zur Verfügung stehen euch zwei verschiedene Schienenpläne, die in ihrer optischen Pracht etwas an Gesellschaftsspiele aus den 90er Jahren erinnern. Gemeinsam gilt es, vier verschiedene und durch kleine farbige Holzwürfel repräsentierte Waren von Städten in den Hafen zu bringen. Wo sie vermutlich aufgrund Containermangels erstmal eine Weile liegen werden. Wozu die Eile also. Und so gewinnt ihr jede Partie automatisch. Okay nein, so einfach ist es dann doch nicht. In Wahrheit liefern Karten eine zeitliche Begrenzung. Zu Beginn jedes Zuges wird eine davon aufgedeckt. Durch sie wird vorgegeben, ob sich eine der drei Zugfarben, von denen jeweils bis zu drei Züge auf den Schienen fahren, bewegt oder neu eingesetzt wird. Und so tummeln sich mit der Zeit immer mehr Züge auf dem Plan, die es zu lenken gilt. Handkarten erlauben das Umstellen von Signalen und Weichen sowie die Bewegung der Lokomotiven. Und so werden nach und nach Fahrtwege kreiert und schließlich Waren in den Hafen geschafft. Aber vorsicht, wenn Züge kollidieren hagelt es Strafen, die euch wertvolle Zeit kosten können.

Die Europa Seite des Spielplans: Gerade die Spielelemente kommen etwas aufgeklebt daher

Die ist nämlich ungemein kostbar und ihr Mechanismus sorgt dafür, dass „Switch & Signal“ sicher auch solo gut spielbar ist. Zu viele Kollisionen kosten euch unter Umständen eine der Rundenkarten, also auch einen Zug. Nicht das Gefährt, sondern einen Spielzug. Denn sobald der Stapel leer ist, ist das Spiel nach der sich gerade an der Reihe befindlichen Person vorbei. „Switch & Signal“ skaliert damit hervorragend, ähnlich wie „Pandemic“ und ist in allen Spielendenzahlen exzellent spielbar. Je nach Gruppe führt das jedoch auch mal leicht zu dem, was so gern „Alpha Leader“ Phänomen genannt wird. Also die gewollte oder ungewollte Übernahme des Spiels durch eine Person. Das ist freilich gruppenabhängig und schwer zu verhindern – eine gute Gelegenheit an sich selbst zu arbeiten!

Spielgefühl: Wir gegen die Würfel

Der Zufallsfaktor ist hoch. Da zu Beginn jedes Zuges – also, ähm, immer wenn jemand an der Reihe ist, eine zufällige Karte aufgedeckt wird, die unter Umständen jeden Zug auf dem Spielbrett bewegt. Oder eben auch nicht. Vielleicht bewegt sie nur eine Lokfarbe und setzt einen weiteren neu auf die Schienen. Durch eine Regeländerung wird nun zumindest beim Spielstart nicht sofort eine Zeitstrafe erteilt, sollte man beim initialen Einsetzen der Züge zu Partiebeginn mehrfach die gleiche Zahl würfeln. Aber da eben grundsätzlich die Position eines frischen Zuges erwürfelt wird und dieser unter Umständen sofort bewegt wird, ohne, dass die Gruppe dagegen irgendetwas tun kann, ist ein wenig Frust gerne mal Begleiter in diesem Spiel – die Freude aber auch umso größer, wenn eine Ware erfolgreich den Hafen erreicht hat.

Die Bewegungswürfel der Züge: Durch unterschiedliche Werteverteilung bewegen sich Lokomotiven unterschiedlich schnell

In der Regel stellte sich nämlich das Gefühl ein, Kontrolle über den Spielablauf zu haben. Und das ist in jedem Spiel mit ausgeprägteren Zufallsanteilen essentiell. Zwei unserer Lokomotiven stehen direkt vor Gleisen mit rotem Signal – ja, eigentlich wollten wir Zug Nummer 3 endlich Richtung Hafen schicken, aber Sicherheit kommt eben zuerst. Was wenn die nächste Karte die Loks fahren lässt? Können wir uns die Zeitstrafe gerade leisten? Da lässt sich eifrig über das Eingehen von Risiken und Wahrscheinlichkeiten diskutieren und es gibt nicht immer diese eine richtige Entscheidung. Das ist gut gemacht und wird in Familien sicherlich gut ankommen. „Switch & Signal“ glänzt, typisch für die allermeisten kooperativen Spiele eben mit reichlich Interaktion zwischen den Spielenden. Im Grunde hat die Spielerin oder der Spieler nur das letzte Wort und entscheidet, wenn es keinen gemeinsamen Konsens gibt. Man ist also eigentlich nie nicht dran und spielt durchgehend gemeinsam über einen in unseren Partien immer angenehmen Spannungsbogen. Einzig etwas unverständlich ist der Schwierigkeitsgrad. Bei einem Familienspiel hätte ich klar erwartet, dass einem eher Erfolgserlebnisse gegönnt werden und die Anleitung Optionen offenbart, alles etwas knackiger zu gestalten. Überrascht hat mich Kosmos hier damit, den Spieß umzudrehen. Partie 1 haben wir krachend verloren, Partie 2 zwar nur knapp, aber gefühlt sehr unverdient. Und wir sind erfahrene Spielende, die nicht nur Catan, Monopoly und Ubongo im Schrank stehen haben.

Auf Kollisionskurs: Weichen umstellen, sonst bald Auffahrunfall – so kurz kann ich diese Situation fassen

Grafik: Back to the 90s!

Optisch liefert man Hausmannskost. Antje und Claus Stephan liefern eine solide grafische Umsetzungohne großen Glanz ab. Die Spielpläne kamen bei meinen Mitspielenden immer eher mäßig an, da ist die Schachtelvorderseite und Kartenillustrationen dann das eigentliche Highlight. Auch die Farben der Züge scheinen teilweise unglücklich gewählt – grau, braun und schwarz. Die Kunststoffmodelle sehen farblich zum Teil auch deutlich anders aus als die Symbole auf den Karten. Nennt mich oldschool, aber ich hätte mir hier außerdem Holz gewünscht. Vermutlich war Kunststoff jedoch leichter umzusetzen, da auf den Loks eine Aussparung für den Warenwürfel vorhanden sein musste. Ich habe für das Spiel in etwa das ausgegeben, was ich auch für „My City“ bezahlt habe. Ein Spiel eines weltbekannten Autoren, illustriert von einem der in meinen Augen begnadesten Illustratoren, die in der Brettspielwelt zu finden sind. Bekomme aber nur eine zweckmäßige optische Umsetzung – schade. Ausnehmen möchte ich hier gezielt die Portraits, die ich als sehr gelungen und in die thematische Zeit der Industrialisierung eingebettet empfinde.

Die Portraits der einmal einsetzbaren Sonderfähigkeiten sind durchaus gelungen

Fazit & Wertung

Kosmos serviert uns ein regeltechnisch überaus familienfreundliches kooperatives Eisenbahnspiel, das hervorragend in allen Spielerzahlen funktioniert. Leider hat man nicht besonders in die grafische Gestaltung investiert und den Schwierigkeitsgrad einfach mal auf „Die Legenden von Andor“ Niveau geschraubt – mit deutlich mehr Zufall. Ist das Würfelglück nicht hold, wird die Ware nicht verzollt – oder so. Spannend waren unsere Partien aber immer. Für Fans von Familienspielen, die gerne diskutieren und sich Herausforderungen stellen wollen, aber auch mit einem nicht unerheblichen Zufallsfaktor klarkommen, ist „Switch & Signal“ definitiv empfehlenswert.

Pro

  • gut verständliche Regel auf Familienniveau
  • trotz hohem Zufallsfaktor noch Gefühl von Spielkontrolle
  • funktioniert in allen Spielerzahlen, vermutlich auch solo, sehr gut

Contra

  • Schwierigkeitsgrad in Kombination mit Würfelpech oft frustrierend
  • Grafik etwas altbacken

4 / 6 Honigtöpfe

gut

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